Dienstag, 2. März 2010

Fotos Januar/ Februar


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4. Erfahrungsbericht – SUENINOS

Im letzten Bericht habe ich hauptsächlich über meine Eindrücke berichtet, die ich während unserer Rundreise durch Mittelamerika gesammelt habe.

In diesem Bericht möchte ich einmal nur auf die Arbeit eingehen, auf die verschiedenen Bereiche -areas- die es bei Sueniños gibt, auf besondere Ereignisse, auf Schwierigkeiten, auf die Kinder und auf vieles mehr.
Dazu möchte ich den Bericht in 4 Teile unterteilen:

1.) Arbeit im Suenicos
2.) Sueniños allgemein
3.) „area autocuidado“
4.) „circo de los sueños“



Suenicos bedeutet „Sueniños in den colonias“ und ist im Grunde ein vereinfachtes Freizeitangebot für arme indigene Kindern, welches direkt vor Ort in ihren Wohnbezirken angeboten wird. Ein Unterschied zu dem Hauptprojekt Sueniños besteht darin, dass Suenicos für alle Kinder des Wohnbezirks offen ist, das heißt egal aus welcher Familiensituation sie stammen, die Kinder dürfen alle an dem 2-stündigen Workshopangebot am Nachmittag teilnehmen. Einzige Bedingung ist, dass sie nicht mehr als einmal die Woche fehlen und Motivation und Anstrengung zeigen. Material und sogar einen kleinen Snack kurz vor Schluss wird jedem Kind zur Verfügung gestellt.
Mir gefällt die Idee dieses Unterprojekts sehr gut. Viele der Kinder sind Straßenverkäufer und verbringen damit ihre freien Nachmittage. Durch dieses Angebot bekommen sie eine andere Perspektive und können wirklich Kind sein.
Anfangs war die Resonanz der Kinder sehr positiv. Im ersten Abschnitt boten wir drei verschiedene Workshops an: Puppen aus Kochlöffeln basteln, Trommeln bauen und Gipsmasken erstellen. Es kamen so viele Kinder (um die 60), dass wir in der ersten Woche gar nicht allen Interessierten einen Platz anbieten konnten. Da wir aber für 6 Wochen in der colonia „5° de marzo“ anwesend waren, bekamen die Kinder in den folgenden Wochen noch weitere Chancen mitzumachen. Sie durften so oft sie wollten teilnhemen, im besten Fall alle 6 Wochen. Diejenigen, die mit Freude dabei waren nahmen wir besonders gerne von Woche zu Woche wieder neu in unsere Workshops auf.
Ich arbeitete mit Barbara, einer österreichischen Mitarbeitern zusammen, und wir bauten Trommeln aus Blumentöpfen mit den Kindern. Zuerst beklebten wir den Topf mit buntem Transparentpapier und bohrten ein Loch in den Boden, damit der Klangeffekt besser wird. Eine Plane diente als Trommelfell und wurde durch einige Kordeln am Boden fest zusammengeknotet und gespannt.
Neben der Konstruktion der Trommeln legten Barbara und ich ebenfalls großen Wert darauf, dass die Kinder lernten wir man mit Musik umgeht und welchen Effekt diese hervorrufen kann. Dies brachten wir ihnen mit Klatsch- und Rhythmusübungen näher. Zum Ende eines jeden Workshops hin gestalteten wir mit den Kindern ein kleines Orchester, in dem auch die selbstgebastelten Trommeln ihren Einsatz fanden.
Des Weiteren machten wir jeden Freitag, sprich am Ende einer Workshopwoche, eine kleine Präsentation, in der die verschiedenen Gruppen mittels einer einfachen Show ihre Arbeiten vorstellten. Dies diente dazu, dass die Kinder eine bessere Vorstellung bekamen, was genau in den anderen Workshops gemacht wurde und darüber hinaus lernten sie so vor einer größeren Gruppe aufzutreten.
Außerdem war ein großes Highlight für die Kinder, dass sie ihre Arbeiten mit nachhause nehmen durften! Sie genossen die Zeit im Suenicos sehr.
Umso trauriger und unverständlicher war es für mich, dass es vor Beginn der Workshops für uns so viel Aufwand und Überzeugungskraft kostete, überhaupt die Erlaubnis der colonia zu bekommen, dort arbeiten zu dürfen. Es hieß wir würden den Kindern keinerlei Vorteile verschaffen, stören und doch alles nur aus eigenem Interesse tun.

So war es zunächst ebenfalls schwierig unseren Plan umzusetzen, die gemeinsame Weihnachtsfeier „posada“ von Sueniños und Suenicos in der colonia 5° de marzo zu veranstalten. Letztendlich leisteten wir jedoch gute Überzeugungsarbeit und die Weihnachtsfeier war ein voller Erfolg! Die Kinder von Sueniños zeigten verschiedene Performances zu Jonglage, Clownerie, Hullahuppreifen und einer selbst entworfenen, ca. 3 Meter großen Riesenpuppe, die von den Kindern geführt wurde.
Wir von Suenicos hatten mit den Kindern 2 Wochen vor der Feier angefangen ein kleines Theaterstück mit Tanz- und Musikeinlagen einzustudieren, was wir an dem besagten Tag unter dem Titel „viaje de los angeles“ (Die Reise der Engel) vorführten. Es klappte super, ich war richtig stolz auf die Kinder.
Alle Eltern, Geschwister und Lehrer waren ebenfalls eingeladen und mit einem solchen Publikum wurde der Tag zu einem vollen Erfolg und mit einem kleinen Geschenk für jedes teilgenommene Kind beendet.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Arbeit im Suenicos wirklich interessant ist, da man mit sehr unterschiedlichen Kindern zusammen arbeitet. Deutlich wird dies z.B. dadurch, wie verschieden die Kinder an eine Aufgabe herangehen und wie unterschiedlich der Erfolg am Ende ist. Bei einigen beobachtete man ein sehr positives und selbstständiges Arbeiten, andere wiederum konnten mit 10 Jahren kaum einen Kreis ausschneiden. Auch in ihrer Verhaltensweise ließen sich große Unterschiede zwischen den Kindern feststellen. Einige waren sehr fordernd, andere total schüchtern und wiederum andere wirklich frech.
Da es jedoch für fast alle das erste Mal war an einem solchen Freizeitangebot teilnehmen zu können, waren sie sehr dankbar für unsere Arbeit. Dies machte mir sehr viel Freude!
Nun -einige Monate später- kann ich sagen, dass diese offensichtliche Dankbarkeit im Sueniños leider einigen Kindern schon verloren gegangen ist…

Jetzt mögen sich einige wundern und fragen: Wie das fehlt ihr jetzt? Arbeitet sie denn nicht mehr mit den Kindern in Suenicos zusammen?
Richtig, es hat ein Wechsel gegeben und seit Januar arbeite ich nun wieder im Hauptprojekt Sueniños. Wie es dazu kam und meine Beweggründe möchte ich im übernächsten Abschnitt dieses Berichtes gerne weiter erläutern.


Zunächst aber einmal zu Sueniños. Sueniños („Traumkinder“) ist das Hauptpojekt der Organisation DESAC (desarollo educativo Sueniños Asociación Civil), der Ort an dem die Kinder die meiste Zeit verbringen. Es ist ein Zentrum am Rande der Stadt, welches einigen Kindern der zwei Viertel 5° de marzo und 1° de enero ein komplettes Nachmittagsprogramm und Unterstützung in jeglicher Hinsicht bietet. Ich habe selbst noch nicht herausfinden können, nach genau welchen Kriterien die Kinder ausgesucht werden, die hierher kommen dürfen. Zur Zeit finden 39 Kinder der Primaria (Grundstufe) und 13 „pollitos“ („Hühnchen“ – sprich die ganz KleinenJ ) ihren Platz.
Nach der Schule werden sie mit zwei Bussen heraufgebracht und bekommen zunächst einmal eine warme Mahlzeit und haben freie Spielzeit. Danach beginnen um 15h zwei Stunden „area“. Das heißt, die Kinder dürfen zwischen fünf verschiedenen Bereichen jeweils für eine Stunde wählen. Angebote sind eine Bibliothek, kreatives Gestalten, Hausaufgabenhilfe, Körperpflege und ein Bereich, in dem die 8 Teilleistungen spielerisch verbessert werden sollen.
In der Bibliothek mit dem Namen „Buho soñador“ sollen Lesefertigkeiten und kreatives Schreiben geschult werden. Im kreativen Bereich, welcher den Namen „Colores de Quetzal“ trägt wird viel gebastelt und gemalt. Die Hausaufgabenhilfe „Sabio Jaguar“ lässt sich mit der Nachhilfe vergleichen und im Salon der 8 Teilleistungen „Canto de Caracol“ arbeiten zur Zeit zwei Freiwillige mit den Kindern u.a. an der Verbesserung ihres optischen und akustischen Unterscheidungs- und Erinnerungsvermögens. Als fünfte area wird die Körperpflegea geboten. Diese area trägt den Namen „agua del cielo“ – „Wasser des Himmels“ und ist mein Arbeitsbereich. Hierauf werde ich später noch sehr viel genauer eingehen.

Nach den zwei Stunden area gibt es eine Stunde proyecto. Das Thema hierzu wechselt ca. drei Mal im Jahr. Angefangen wurde mit dem Thema „Reisen durch die Kulturen“. Angeboten wurden die vier Kulturen Massai (Afrika), Maya (Mexiko), China und Griechenland. Die Kinder durften zu Anfang der Etappe entscheiden, über welche Kultur sie mehr lernen möchten. Diese Möglichkeit des Auswählens ist ein wichtiger Punkt in Sueniños – die Kinder sollen selbst entscheiden dürfen, was ihnen den meisten Spaß macht und wo sie sich am besten einbringen können. Mit den areas wird es genauso gehandhabt, es ist völlig und allein die Entscheidung der Kinder für welche zwei Bereiche sie sich an einem Tag entscheiden. Die tutorias, also Tutoren überprüfen am Ende der Woche lediglich, dass ein Kind nicht 5 Mal zum kreativen Gestalten gegangen ist und niemals seine Hausaufgaben machte…

Wieder zurück zur Stunde der proyecto von 17-18 Uhr. Nach der Etappe des „Kulturprojekts“ gab es ein relativ offen gehaltenes „circo-proyecto“ mit den Angeboten Clownerie, Jonglage, Riesenpuppen entwerfen und rhythmische Sportbewegung und Tanz. Teile dieses Zirkusprojektes wurden damals während der großen Weihnachtsfeier in der colonia von den Sueniños-Kindern aufgeführt.
Nach den Weihnachtsferien begann ein sehr großer neuer Abschnitt der 1-stündigen Projektphase: Das Thema „Zirkus und Schauspielerei“. Dazu gab es folgende fünf Gruppen: Schauspieler, Cheerleader, Clowns, Pyramiden und Fallschirm. Von 17-18h probten die Kinder täglich in ihren Gruppen eine kleine Performance, die am 6. Februar – dem 5. Geburtstag Sueniños – im Stadtzentrum aufgeführt werden sollte. Die Zeit war nicht lang und so mussten die Kinder alles geben, damit am Ende ein so wunderbarer Auftritt des „el circo de los sueños“ möglich war.
Dieses Riesen-Event werde ich in diesem Bericht als 4. Punkt noch sehr viel genauer beschreiben. Ebenfalls wie meine Arbeit mit den Kindern der Pyramidengruppe verlief – in der Vorbereitung, als auch während des großen Auftritts.

Jetzt möchte ich jedoch noch kurz den Tagesablauf im Sueniños fertig erläutern und auf einige weitere Punkte dieses Hauptprojekts eingehen…
Um 18h, wenn also die Stunde des proyecto vorbei ist, bekommen die Kinder einen kleinen Snack, genannt „merienda“. Dies ist meist eine Schale Milchreis, ein paar Kekse und Kakao, Pfannkuchen oder Haferschleim. Wirklich gesund ist die merienda nicht und deshalb bin ich kein großer Fan von dieser. Ganz im Gegenteil dazu muss ich aber sagen, dass das Mittagessen für die Kinder sehr gesund gekocht wird. Drei Mal die Woche gibt es Fleisch, eigentlich immer Gemüse und Reis und natürlich – schließlich leben wir hier in Mexiko J - tortillas zum Essen.
Nach der merienda haben die Kinder eine knappe halbe Stunde, um sich im Garten einfach auszutoben, zu schaukeln, Murmeln zu spielen oder was ganz vielen große Freude bereitet, Seil zu springen. Dabei singe ich immer:

„ La baca lechera, le dijó a lechero, pagame la renta del mes enero – febrero, marzo, abril, mayo, junio, julio, agosto, septiembre, octubre, noviembre, diciembre.
Changita, changita date la vuelta, date vuelta, toca el piso y salta por afuera!”

Dieses Lied haben mir die Mädels beigebracht J
Um halb sieben circa kommen die zwei Busse, um die Kinder nach einem langen Tag nachhause zu bringen.
Dann ist auch ein Arbeitstag für mich bei Sueniños beendet, ich schwinge mich auf mein Fahrrad und fahre ca. 30 Minuten bis nachhause.

Was es sonst noch zu Sueniños zu sagen gibt ist, dass es vor fünf Jahren von einem Österreicher Christian und seiner mexikanischen Frau Alma gegründet wurde. Ihr Traum war es, so vielen Kindern wie möglich ein sinnvolles Freizeitprogramm nach der Schule anzubieten. Gerade Kinder solcher Familien, die kein Geld haben ihren Kindern viel zu bieten und wo die Kinder oft zum Familieneinkommen mit beitragen müssen, sollten ihren Platz im Sueniños finden.
Die Eltern bezahlen kein Geld dafür, dass ihre Kinder an diesem Programm teilnehmen. Einzige Verpflichtung ist, dass sie einmal im Monat zu Sueniños kommen und für einen Tag in der Küche und beim Putzen mithelfen. Des Weiteren finden jeden Sonntag Workshops für die Eltern statt, die u.a. gesunde Ernährung, Umgang mit den Kindern, Hygiene etc. behandeln. Hier müssen die Eltern regelmäßig teilnehmen, damit ihr Kind weiterhin zu Sueniños kommen kann. Wenn ich hier von Workshops für Eltern spreche, muss man das allerdings ein wenig einschränken. Bis auf ganz wenige Familien (vielleicht zwei oder drei) sind es doch immer nur die Mütter, die zu den Sonntags-Workshops kommen oder in der Küche helfen.
Viele Kinder von Sueniños haben keinen Papa, weil dieser weggelaufen, gestorben oder dem Alkohol verfallen ist… Darüber hinaus ist der machismus auch in Mexiko nach wie vor weit verbreitet, sodass es der Mann gar nicht einsieht, warum er sich die Mühe machen sollte zu helfen. Das ist sehr schade!

Eine weitere Unterstützung, die Sueniños den Familien gibt ist materieller Art. Am Anfang des Schuljahres bekommt jedes Kind Blöcke, Stifte und einen Ranzen geschenkt. Darüber hinaus bekommen die Familien für ihre Kinder in bestimmten Zeitabständen neue Hosen, Schuhe und Socken für die Kinder. Diese Unterstützung ist sehr wichtig, wobei ich mir nicht immer ganz sicher bin wo beispielsweise die neuen Klamotten landen. Dennoch kommen nämlich viele Kinder mit stinkigen Klamotten und Schuhen, deren Sohle schon komplett durchgelaufen und durchlöchert ist, ins Projekt. Außerdem sehen es die Mütter teilweise als eine Selbstverständlichkeit an, dass alle ihre zehn Kinder (und nur zwei von ihnen sind Teil des Sueniños) diese Geschenke erhalten und wollen mehr und mehr.
Dies ist ein Problem, dass mir auch schon bei den Kindern deutlich wird. Sueniños ist eben ein reiches Projekt und bietet den Kindern viel. Aus dem Grunde geht es meiner Meinung nach teilweise verloren die kleinen Dinge zu schätzen und Geschenke sind für einige nichts Besonderes mehr. Dies finde ich schade, doch es ist sehr sehr schwer hier ein Mittelmaß zu finden…
Klar ist, dass Sueniños eine tolle Möglichkeit für die Kinder ist, die nicht vielen Kindern offen steht.


Im letzten Abschnitt habe ich erwähnt, dass während der zwei Stunden von 15-17h areas angeboten werden. Nun möchte ich genauer meine area „autocuidado“ beschreiben.

Seit Januar arbeite ich hier mit Lisa, einer österreichischen Freiwilligen und sehr guten Freundin zusammen.
Dass ich nun wieder Teil des Hauptprojekts bin und nicht mehr bei Suenicos arbeite, hatte ich schon im 1. Abschnitt kurz erläutert.
Ich möchte, dass ihr ein wenig besser versteht, warum dieser Wechsel für mich nötig oder vielleicht doch besser gesagt ein großer Wunsch für mich war…
Die Arbeit mit den Kindern in Suenicos an sich hat mir sehr viel Spaß gemacht und war wirklich interessiert. Traurig war, dass diese Arbeit mit den Kindern täglich nicht mehr als zwei, teilweise sogar nur ein und halb Stunden bedeutete. Der Rest war Planungsarbeit im Team, Vorbereitung der Stunden, Aufbauen und Abbauen der Materialen und Bewertungen schreiben. Diese Arbeit fand ich anfangs noch interessant, doch langfristig gesehen (auch in Proportionalität zur eigentlichen Arbeit) wurde ich damit nicht glücklich. Mir fehlte der Kontakt zu den Kindern und darüber hinaus war es schwierig eine wirkliche Beziehung zu ihnen aufzubauen, da sie von Woche zu Woche wechselten. Eng arbeitete ich mit Barbara zusammen, die eigentlich aus Österreich stammt, damals auch Freiwillige in Sueniños war, sich dann aber entschied ihr Leben hier in Mexiko fortzuführen. Von ihr konnte ich viel lernen, fand es aber gleichzeitig auch schade, in einer „europäischen Gruppe“ zu sein und nicht das mexikanische Arbeiten zu erleben. Die Workshops mit den Trommeln waren eine tolle Idee, gerne hätte ich darüber hinaus jedoch noch ganz eigene neue Ideen eingebracht und weitere, andere Dinge angeboten.
Aus diesen Gedanken heraus erstand letztendlich mein Wunsch innerhalb des Projektes zu wechseln.
Ich führte einige Gespräche mit der Projektleitung und mit Barbara und nach den Weihnachtsferien hieß es dann ein Wechsel wäre machbar. Ich war sehr glücklich über diese Entscheidung und vielleicht ging mir dadurch auch ein wenig verloren, wie viel Aufwand dieser Wechsel für Sueniños an sich doch bedeutete. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sowohl die Projektleitung, als auch Barbara nicht wirklich glücklich mit meinem Wunsch waren, auf der anderen Seite mir aber auch kein nein geben wollten, da ich mit meiner damaligen Arbeit nicht zufrieden war.
So standen nach dem Wechsel einige Missverständnisse und nicht so schöne Dinge zwischen mir und dem Projekt, was mich seelisch ziemlich mitnahm. Ich hatte nicht gedacht, dass der Wechsel so negative Folgen haben könnte, gleichzeitig war ich aber doch sehr viel glücklicher mit meiner neuen Arbeit. So suchte ich später noch einmal das Gespräch, versuchte meine Beweggründe noch mal genauer zu beschreiben und sagte, dass ich ganz sicher nicht so viele Schwierigkeiten und Aufwand durch den Wechsel hervorrufen wollte. Ich denke das Gespräch war ein erster guter Ansatzpunkt, nichtsdestotrotz spüre ich immer noch einige negative Spannungen – und das macht mich sehr traurig!

Nun gut, jetzt arbeite ich also mit den Kindern des Sueniños zum Thema „autocuidado“, übersetzt in etwa „Selbstpflege“ zusammen. Im weitesten Sinne behandeln wir hier den eigenen Körper – was er von innen und von außen braucht, damit ich mich wohlfühle und es mir gut geht. Gesunde Ernährung ist hierbei ein wichtiges Thema und wird immer wieder angesprochen. Klar, dass solche Themen Kinder im Alter von 6 bis 14 eher weniger interessieren. Darum ist es eine große Herausforderung dies irgendwie ansprechend für sie zu gestalten.

Viel Zeit nimmt die aktive Körperpflege ein. Wenn es genügend Wasser gibt, dann bilden wir 4er Grüppchen Jungs und Mädchen getrennt, die eine halbe Stunde Zeit haben, um sich zu duschen und die Haare zu waschen. Für die Mädels ist es immer etwas ganz besonderes, wenn man ihnen zum Schluss einen Klecks Spülung in die Hand gibt J
„Dame más, dame más, quiero mi cabello muy suave…“ (Das heißt so viel wie „gib mir viel, ich will dass mein Haar schön weich wird“ )
So schaffen wir es also, dass an einem Tag mit Wasser ca. 35 Kinder die Chance haben sich frisch zu machen. Dieser Teil der area ist sehr wichtig, da viele der Kinder zuhause nicht die Möglichkeit haben sich zu duschen und natürlich fühlen sich bei einem dreckigen Körper Viren und Bakterien wohler, als bei einem frisch geduschten. Aus diesem Grund bekommen die Kinder im Sueniños zwei Mal im Jahr eine Läusekur. Dies ist sehr wichtig – sei sie vorbeugend oder schon dringend notwendig.
Nach dem Duschen geben wir den Kindern Creme, sie schneiden ihre Finger- und Fußnägel und die Jungs bekommen ein wenig Gel. So wie für die Mädels die Spülung, ist für die Jungs das Gel immer ein Hit und nicht selten passiert es, dass sie so viel davon benutzen, dass sie am Ende eher einer Ölsardine ähneln J Doch jedes Mal nach dem Duschen und Pflegen fühlen sich die Kinder sehr wohl in ihrer Haut und so soll es ja sein...
Momentan gibt es leider nur sehr selten genügend Wasser zum Duschen. Die Regenzeit fängt erst im Mai an und so kann es vorkommen, dass wir knapp zwei Wochen hintereinander den Kindern keine Möglichkeit zum Duschen bieten können.
Ist dies der Fall, müssen Lisa und ich die Kinder andersweilig beschäftigen.
Die letzten Wochen haben wir mit ihnen das Thema „mi cuerpo“ – mein Körper – angesprochen. Dazu wogen und maßen wir jedes Kind, rechneten den BMI aus, sprachen über den Aufbau des Körpers, seine Funktion und über die verschiedenen Körperteile. Außerdem schnitten wir in diesem Zusammenhang das Thema Hygiene an und machten mit den Kindern zwei Wochen lang jeweils die ersten 15 Minuten jeder Stunde einen „competición de la evaluación de la limpieza“ – eigentlich nichts anderes als einen Wettbewerb zur Sauberkeit. (Wettbewerbe sind immer ein super Ansporn für die Kinder, das habe ich schon gelerntJ)
Je nachdem wie ordentlich die Kinder ihre Nägel schnitten, ob sie mit gekämmten Haaren in die area kamen oder ob die Finger gründlich gewaschen waren, bekamen sie eine Punktzahl von 1-3. Am Ende der zwei Wochen stand ein Sieger fest, der von uns ein kleines Geschenk passend zum Thema bekam. Das Siegermädchen bekam Nagellack und einen Lipgloss und der Junge eine riesige Dose Gel!

Als zweites großes Thema behandeln wir gerade das Thema „nutricion“ – gesunde Ernährung. Angefangen haben wir mit einem Ernährungszirkel, der die verschiedenen Typen Essen aufzeigt. Hiermit wollen wir in den Kindern ein Bewusstsein hervorrufen, dass es wichtig ist sich ausgewogen, gesund und v.a. abwechslungsreich zu ernähren. Allerdings sind wir uns gleichzeitig nicht sicher, wie effektiv es wirklich ist, den Kindern diese Notwendigkeit deutlich zu machen. Letztendlich hängt es davon ab, was zuhause auf dem Tisch steht und das ist (auch aus Geldgründen) leider oft nicht das Beste. So gibt es zum Frühstück bei vielen Familien bloß Tortilla mit Café, das ist billig und stillst zunächst einmal den Hunger. Das wenige Geld, dass die Kinder bekommen um sich z.B. in der Schule eine Kleinigkeit zu kaufen, geben sie fast immer für „dulce“, also Süßigkeiten aus.
Für die Zukunft in der area planen wir deshalb mit den Kindern kleine Snacks zuzubereiten, die leicht gemacht und gesund sind. Vielleicht schaffen wir es dass sie merken, dass nicht nur Süßigkeiten lecker sind. Die nächsten Tage wollen wir beispielsweise mit einigen wenigen Kindern auf den Markt gehen, frisches Obst kaufen und daraus licuados machen. Licuados sind typisch für alle lateinamerikanischen Länder – lecker, frisch und total simpel. Eine Frucht wird mit Wasser oder Milch in den Mixer geworfen, vermischt und fertig ist ein gesunder und sättigender Drink. Außerdem planen wir mit den Kindern Haferflockenkekse, Obstsalat, einen grünen Salat, selbst gebackenes Brot und einige leichte Aufstriche zuzubereiten.
Neben diesen „ereignisreichen“ Stunden ist es uns auch sehr wichtig über ernste Themen wie Über-/ Untergewicht, Drogen- und Alkoholmissbrauch und Folgen von ungesundem Essen zu sprechen. Hierfür werden wir uns wahrscheinlich die Hilfe einer der maestros, also einer der festangestellten Mitarbeiter, erbitten. Das Spanisch ist zwar im Vergleich zu Anfang schon unglaublich gut und bei den Kindern hat man schon seinen Standpunkt gefunden, dennoch ist es für uns Freiwillige schwierig, dass die Kinder bei solch wichtigen und für sie weniger interessanten Themen wirklich mitmachen und einen Lerneffekt daraus ziehen.
Denn einfach über ein Thema erzählen, bei dem ich weiß, dass die Kinder am Ende genauso wenig wissen wie vorher, das möchte ich nicht…

Wenn das Thema der gesunden Ernährung abgehakt ist, haben Lisa und ich uns für die zwei weiteren großen Blöcke Gesundheit und als 4. Thema Sport entschieden. Ich denke damit wird dieses Schuljahr gut ausgefüllt sein und ich werde in Zukunft natürlich weiter berichten, welche (hoffentlichen) Erfolge in der area „autocuidado“ zu sehen sind und wie die Kinder die Themen aufnehmen.


El circo de los sueños“, das wahrscheinlich größte und bedeutendste Event in diesem Schuljahr für die ganze Organisation DESAC.
Wie schon weiter oben erwähnt, wurde Sueniños dieses Jahr 5 Jahre alt und das sollte gefeiert werden.
Öfters schon haben die Kids kleine Präsentationen einstudiert und diese vorgeführt. Dieses Mal sollte jedoch das erste Mal sein, dass Sueniños seine Pforten öffnet und die Kinder außerhalb, vor offenem Publikum, mitten im Stadtzentrum San Cristóbals ihr Können und ihre harte Arbeit der vorangegangenen Wochen präsentieren.
Nach den Weihnachtsferien gingen die Vorbereitungen los. In den fünf Gruppen Schauspieler, Cheerleader, Clowns, Pyramiden und Fallschirm probten wir jeden Tag eine Stunde mit den Kindern, in der Woche vor der großen Show sogar fast die ganzen 3 Stunden, die die Kinder im Projekt waren.
Die Idee war folgende: Ein Kind legt sich nach einem anstrengenden Schultag schlafen und träumt davon, was es später einmal werden möchte. Dieser Traum und die darin vorkommenden verschiedenen Berufe wurden durch die Gruppe der Schauspieler in fünf kleinen Sketchen vorgeführt. Als erstes träumte das Kind vom Beruf „maestro“ also Lehrer, daraufhin wollte es „medico“ Arzt werden, der nächste Traum war „roquero“ Rockstar, als viertes träumte es von einem „artista“ – Künstler und zuletzt wollte es „scientifico“ Wissenschaftler werden. Die Sketche wurden stumm gespielt, das heißt dass alle Geräusche und Effekte technisch mit eingespielt wurden. Der Idee dahinter war, dass die Kinder ohnehin schon sehr aufgeregt waren (für viele war es das erste Mal überhaupt auf der Bühne zu stehen) und wir wollten vermeiden, dass sie plötzlich ihre kompletten Texte vergessen. Jeder Sketch beinhaltete darüber hinaus einige kleine Witze, sodass es für die Zuschauer sicher nicht langweilig wurde.

Zwischen den Sketchen traten die vier weiteren Gruppen mit ihren Showeinlagen auf. Mit den sechs Kindern, mit denen ich in einer Gruppe arbeitete, probten wir fünf verschiedene Pyramiden ein. Von Zwei-Mann- bis tatsächlichen Sechs-Mann-Pyramiden war alles dabei. Als Nebeneffekt studierten wir eine kleine Show mit verschiedenen Bewegungsabläufen ein und alles präsentierten wir zum Lied Mission Impossible.
Der Tag des 6. Februar, auf den alle so lange gewartet hatten, begann für uns Mitarbeiter und Freiwillige schon sehr früh. Das ganze Material musste ins Zentrum gebracht und die Zirkusarena aufgebaut werden.
Gleichzeitig verteilten wir Flyer an Passanten, vor allem Familien mit Kindern, um sie auf die Zirkusvorstellung, die für alle zugänglich und gratis sein sollte, aufmerksam zu machen. Schon hier merkten wir, dass es wohl ein großes Event werden würde, denn viele zeigten großes Interesse.
Mittags empfingen wir die Sueniños-Kinder in Stadtzentrum. Mit ihnen hieß es letzte Informationen austauschen, ihren Auftritt noch einmal durchgehen und anschließend in den Fußgängerzonen mit kleinen Showeinlagen und weiteren Flyern Werbung für den Abend zu machen.

Um halb sechs begann der erste Teil des circo de los sueños – ein riesiger Aufmarsch „desfile“ mit allen beteiligten Kindern durch das Stadtzentrum San Cristóbals. Passanten und Kinder, die sich unserem Marsch anschließen wollten, wurden dazu herzlich eingeladen und bekamen Rasseln und Masken geschenkt, um dem Ganzen einen noch größeren Auftritt zu verleihen.
Die Stimmung war super und eine große Masse an Menschen zog so vom „Santa Domingo“ – dem Kunsthandwerkmarkt der Stadt mit uns in Richtung Zentrum, wo die Zirkusmanege schon in ihren bunten leuchtenden Farben strahlte.
Als alle Platz gefunden haben und der Vorplatz gut voll war, begann der Hauptteil der Präsentation: Der eigentliche circo de los sueños. So wie wir es die zwei Wochen vorher einstudiert hatten, führten die Schauspieler ihre Sketche vor und die anderen Gruppen glänzten mit ihren Showeinlagen zwischendrin. Es war großartig!
Zu aller letzt versammelten sich alle Beteiligten in der Manege des Zirkuszelts und wir sangen gemeinsam das Sueniños-Lied. Symbolisch wurde ein kleiner Heißluftballon losgelassen, der wie die Träume auf zum Himmel steigen sollte…


Dies war mein 4. Bericht, ich hoffe ihr fandet ihn genauso interessant wie die vorigen und habt nun eine noch bessere Vorstellung, was ich hier zum Großteil meiner Zeit – nämlich in der Arbeit im Sueniños mache.

Anfang März werde ich zusammen mit Judith, Schoko und Schorsch nach Nicaragua reisen, da wir dort für knapp zwei Wochen ein Treffen mit allen anderen WISE-Mittelamerika-Freiwilligen haben.
Wenn ich zurück komme werde ich eine weitere Woche arbeiten und dann fangen hier die Osterferien mit den traditionellen Umzügen der Semana Santa an. Drei Freunde aus Deutschland werden mich zu dieser Zeit besuchen und wir werden gemeinsam in Mexiko rumreisen.
Im nächsten Bericht werdet ihr also sicher einiges über neue Eindrücke und andere Gegenden (v.a. Zentralmexiko und die Hauptstadt) lesen können.

Bis dahin wünsche ich euch allen alles Gute, dass in Deutschland auch so langsam der Frühling rauskommt und in weiter Ferne Frohe Ostern J

Vor allem wünsche ich auch Jeannette viel Kraft in Deutschland und hoffe, dass alles so klappt wie sie sich es wünscht.
Wie ja sicher die meisten wissen, habe ich bisher mit Jeannette und Judith in einer 3er-WG zusammen gelebt. Jeannette ist jedoch aus persönlichen Gründen diese Woche zurück nach Deutschland gekehrt. Wir vermissen sie hier sehr und wünschen ihr das Beste!


Fühlt euch alle gedrückt, ganz liebe Grüße aus Mexiko,
eure Tine

Mittwoch, 10. Februar 2010

Mein 3. Erfahrungsbericht – ein Reisebericht

Für mich war es tatsächlich eine Rundreise, für Daniel eher eine 5-Länder-Tour. Wobei, wenn man betrachtet, dass es für ihn am Frankfurter Flughafen startete und mit vielen, vielen Zwischenstationen dort auch wieder endete, kann man wohl auch von einer Rundreise sprechen. So genau will ich hier allerdings nichts einschränken, deshalb wird mein 3. Erfahrungsbericht einfach ein Reisebericht:)

Für mich ging es am Morgen des 19. Dezembers mit einem Touristenshuttle auf nach Guatemala. Vorher hatte ich mich informiert, und es stellte sich heraus, dass diese „geführten“ Reiseverbindungen, oftmals sogar billiger sind. Oftmals – aber was in jedem Falle zutrifft ist, dass sie sehr viel angenehmer und unanstrengender, nicht aber immer so abenteuerreich sind, wie öffentliche Busse. Dazu möchte ich noch gerne später in Nicaragua eingehen.
Für meine 1. Grenzüberschreitung hier aus Mexiko raus war ich also froh, dass das Meiste für mich geregelt wurde. Ich musste mir lediglich an der mexikanischen Grenze einen Ausreisestempel holen, ein paar Meter zu Fuß die Grenze überqueren und mir in Guatemala einen Einreisestempel eintragen lassen. Die paar Meter Fußmarsch jedoch versetzten mich prompt in eine andere Welt. Die Gesichter, in die ich blickte, waren denen der mexikanischen Bevölkerung noch sehr ähnlich, aber das hektische Treiben und die vielen, vielen Guatemalteken, die an der Grenze alles – von Kochtöpfen, über Schuhe, über Handys – spottbillig an den Mann bringen wollten zeigte mir, dass Guatemala doch noch mal ein Stück ärmer und einfach anders ist als Mexiko. Auf den insgesamt 11h Busfahrt bis nach Antigua beobachtete ich v.a. mit großer Freude die bunten „chicken-busses“ – alte Schulbusse aus den USA, die hier als öffentliche Verkehrsmittel eingesetzt werden. Diese Art von Bussen gibt es in Mexiko nicht. Ich fand es genial, in was für einem Tempo Gepäck und Leute die Busse wechselten, teilweise ohne dass der Bus überhaupt daran dachte, langsamer zu werden. Als es dunkel wurde, ließ sich die volle „Schönheit“ der Busse erkennen. Hier flackerte blaues Licht, dort liefen gelbe Lichterstreifen die Heckscheibe des Busses herunter und fast jeden Bus schmückten irgendwelche Totenkopf oder „Gangstertattoos“. Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich einige Zeilen weiter oben Schönheit in Anführungszeichen gesetzt hatte J
Um 7 Uhr abends erreichten wir unser Ziel Antigua – eine sehr schöne, mittelgroße Stadt etwa 1h westlich von Guatemala City. Auf der Shuttlefahrt hatte ich schon einige Bekanntschaften gemacht und so kam es, dass ich mich mit einer Kanadierin gemeinsam nach einer Unterkunft umschaute. Die meisten hostels waren schon voll und so lud zumindest ich nur mein Gepäck ab, um mit Julien erst etwas essen zu gehen und dann ein wenig das Nachtleben Antiguas zu erkunden. Schon nach kurzen Gesprächen mit einigen Einwohnern stellte ich fest, dass hier teilweise ganz andere Worte gebraucht werden. „Chido“ was in San Cristóbal so viel wie cool heißt kannten sie hier z.B. gar nicht, oder „chamarra“ (ein wärmerer Pulli) heißt in Antigua ganz der englischen Sprache nachempfunden „sweater“.
Nach diesen ersten Eindrücken aus meinem 1. Reiseland holte mich um halb 3 am Morgen ein weiterer Shuttle ab, der mich zum Flughafen nach Guatemala City bringen sollte. Dort angekommen hatte aber noch alles zu, 45 Minuten solle ich warten hieß es. Netterweise bot mir ein junges Pärchen an mit ihnen im warmen Auto zu warten. Dieses Angebot nahm ich gerne an und so bekam ich diese Nacht doch noch ein paar Minuten meine Augen zu.
Mit meinem Flug nach San José lief alles glatt und um kurz vor Acht betrat ich Costa Ricanischen Boden – mein 2. Reiseland. Daniel war schon eine Nacht früher angekommen und so nahm ich am Morgen allein den Bus ins Zentrum San Josés und lief von der Haltestelle aus ein kleines Stück bis zu seinem Hostel. Hinter einigen Scheiben Baguette, Marmelade, Butter, O-Saft und Kaffee erblickte ich ihn und wir lagen uns erstmal lange in den Armen. Die Freude des Wiedersehens war groß und die Vorfreude auf unser anstehendes Abenteuer riesig. So wollten wir gar nicht viel Zeit vergeuden und nahmen direkt um 11 einen Bus nach La Fortuna. Die Fahrt dauerte ca. 4 Stunden und zeigte uns wie grün dieses wunderschöne Land doch ist. Die Stadt lag mitten in einem Regenwaldreservoir – da gehörte es natürlich dazu, dass wir mit einem heftigen Regenschauer begrüßt wurden! Nach einigen mehr oder weniger schönen Zimmern, die wir uns für die Nacht anschauten entschieden wir uns für ein ebenfalls nicht sehr schönes Zimmer J Der ausschlaggebende Punkt war aber die Gastfreundschaft dieses alten Pärchens und ihrer Tochter – hier wollten wir bleiben. Wir wohnten quasi mit ihnen im Haus und noch am selben Abend saßen wir gemeinsam in ihrem Wohnzimmer. Ohne sich nach unseren hungrigen Bäuchen erkundigt zu haben, wurde uns „gallo pinto“ (Reis mit Bohnen – ein typisches Essen für Costa Rica und auch Nicaragua) serviert und wir unterhielten uns gemeinsam über mögliche Ausflüge, die wir die kommenden Tage hier machen könnten. Daniel und ich entschieden uns für eine Vulkantour gleich morgen und eine „Canopy-Reit-Tour“ für den folgenden Tag. Die Vulkantour war letztendlich wirklich eins unserer Highlights auf der ganzen Reise! Am Nachmittag ging es los, ca. eine Stunde den Fuß des Vulkans erklimmen, an einem super Aussichtspunkt auf die Dunkelheit warten und mit etwas Glück den Vulkans ausbrechen sehen… Und wir hatten Glück, es war ein schönes Spektakel!
Von La Fortuna aus machten wir uns zwei Tage später auf den Weg weiter in Richtung Norden, um eine Nacht am Strand „Playa Hermosa“ an der Pazifikküste Costa Ricas zu verbringen. Von der Umgebung waren wir etwas enttäuscht, so hatten wir uns doch einen weißen Strand und klares Wasser vorgestellt, in Wahrheit erwartete uns jedoch ein relativ heruntergekommenes „Stück Sand“. Ein weiteres Mal jedoch landeten wir einen Glückstreffer, was die Wahl der Übernachtung anging. Für Costa Ricanische Verhältnisse billige 10 Dollar bekamen wir ein Bett in einem kleinen Zimmer, dass wir uns mit einem Guatemalteken teilten und ein Frühstück. Dies war in Ordnung, aber in dem Sinne noch kein Glücksbringer. Die Familie die uns unterbrachte war vielmehr der Glückstreffer! Ein Pärchen und ihr ca. 16-jähriger Sohn, sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, mit denen wir uns am Abend und am Morgen beim Frühstück nett über ihr Land und vor allem unser nächstes Reiseziel Nicaragua unterhielten. Interessant war, dass der Mann sehr von Nicaragua und der Gastfreundlichkeit der Menschen dort schwärmte, sein eigenes Land aber eher bescheiden darstellte. Am Morgen nahm uns die Frau dann sogar noch fast mit bis an die Grenze, da sie sowieso in diese Richtung wollte um das Wochenende bei ihrer Mutter in der nächst größeren Stadt zu verbringen. Von dort aus nahmen wir also einen Bus, der uns an der Grenze absetzte und in Nicaragua müssten wir dann einfach den nächsten Bus in Richtung Managua nehmen, so hieß es... Einfach ist deshalb gut gesagt, weil dieser Grenzübergang Costa Rica – Nicaragua einfach „loco“, also verrückt war. So viele Menschen auf einem Fleck - viele wussten nicht wo hin, viele versuchten sich in den meterlangen Schlangen vorzudrängeln, andere verteilten die Einreiseformulare, die sie allerdings nur gegen Geld rausrücken wollten. Mit einem Jungen gerat ich deshalb kurz aneinander, da ich meinte die Formulare seien umsonst (so kannte ich es schon von der vorherigen Grenze). Prinzipiell hatte ich auch Recht, doch da wir in diesem Getümmel an keine „offiziellen“ Personen rankamen, drückte ich dem Jungen am Ende doch ein paar Cordoba in die Hand – unter anderem auch aus dem Wunsch heraus, endlich aus diesem „Ameisenhaufen“ entfliehen zu können. Außerhalb der Grenze sah es jedoch nicht besser aus, die Busse wurden bis zum Überlaufen vollgestopft und an stickiger Luft und schwitzenden Körpern kam man nicht vorbei. Hier bin ich also beim Punkt vom Anfang des Berichts angekommen: „öffentliche Busse in Nicaragua – ein Abenteuer, aber für die Nerven auch nicht immer das Beste J“. Einige Stunden verbrachten wir so auf unserer Route in Richtung Norden, bis wir in Rivas ausstiegen und einen Taxi bis zur Hafenstadt San Jorge nahmen. Von dort sollte es weiter gehen zur „Isla de Ometepe“ – unserem nächsten Reiseziel. Im Bus hatten wir Bekanntschaft mit einem amerikanischen Pärchen gemacht, mit denen wir schließlich auch das Taxi teilten. Glück im Unglück soll man so was nennen, denn als es ans Bezahlen ging konnte ich meinen kleinen Geldbeutel einfach nicht finden. Und tatsächlich tauchte er auf der ganzen Reise auch nicht wieder auf. Tine, die immer der Meinung war auf alles so gut aufpassen zu können J, wurde beklaut! Derjenige muss sich aber auch geschickt angestellt haben, so hatte ich doch die ganze Zeit meinen Rucksack im Auge – dachte ich. Netterweise bezahlte uns das Pärchen das Taxi und gab uns so viel Cordoba, dass wir die Fährfahrt bis zur Insel bezahlen konnten. An dem Abend waren wir wirklich froh, ins große Bett fallen zu können – und das für einen Spottpreis, ca. 4 Dollar für Daniel und mich für eine Nacht. Ja, Nicaragua war doch noch mal ein Unterschied zu Costa Rica!! Zuvor genossen wir jedoch noch ein leckeres Abendessen mit zwei Deutschen die sich in Nicaragua niedergelassen haben und hier nun wohltätig arbeiten, einer Österreicherin die auf Rundreise war und dem Sohn unseres Hotelchefs, der auf der Insel Reiseführer ist. Mit letzterem planten wir für den folgenden Tag eine Inselrundtour im Schnelldurchlauf. Im Schnelldurchlauf aus zwei Gründen: Zum einen weil dieser Tag der 24. Dezember war und dies hieß, dass nach 4 Uhr nachmittags und für die nächsten drei Tage ein Wegkommen von der Insel unmöglich war. Und zum anderen, weil Daniel und ich keinerlei Bargeld mehr bei uns trugen und wir auf Sparflamme lebten. Glücklicherweise bot uns der Hotelsohn an, uns über die 1 1/2 Tage auszuhelfen und legte uns Geld für die Busfahrten und Essen vor. Am Tag unserer Abreise begleitete er uns mit zur Hafenstadt, wo wir ihm das ganze Geld zurückgaben und uns herzlichst bei ihm für seine Hilfsbereitschaft bedankten. Später habe ich mir noch einmal Gedanken darüber gemacht, wie besonders doch seine Hilfe war – ein Nicaraguaner, der uns Deutschen mit einer ganzen Menge Geld aushilft, ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Wirklich toll!
Nach der Insel war Granada unser nächstes Ziel. Eine wunderschöne Stadt im Kolonialstil, meiner Meinung nach San Cristóbal sehr ähnlich. Hier verbrachten wir Heiligabend, wobei dieser – für mich eigentlich doch immer sehr schöne Moment – für uns zwei dieses Jahr komplett ausfiel. Völlig fertig von einer weiteren Busfahrt in einem überfüllten Bus auf Nicaraguas Straßen, fielen wir am Abend des 24. schon um halb neun ins Bett und schliefen bis in den nächsten Tag hinein. Irgendwie fand ich es aber auch mal schön zu sehen, dass Weihnachten ganz einfach ausfallen kann und dieses ganze Hin und Her von Geschenken und vielem Essen vielleicht gar nicht immer notwenig ist?! Ein wenig vermisste ich nichtsdestotrotz meine Familie, mit der ich an diesem Tag bisher jedes Jahr (außer während meines Austauschjahres in den USA) zusammen war. Auch der riesige und sehr kitschige Weihnachtsbaum auf der plaza von Granada ließ die Weihnachtsstimmung bei fast 30°C nicht in mir aufkommen. Stattdessen verbrachten wir einen sehr gemütlichen Vormittag im Stadtzentrum und unternahmen am Nachmittag eine Bootstour zu den „365 isletas“ – insgesamt 365 kleine Inseln im Küstengebiet des Nicaragua-Sees, die sich vor einigen hundert Jahren durch einen Vulkanausbruch gebildet hatten. Auf der Vorbeifahrt zeigte sich ganz deutlich der krasse Unterschied und die Widersprüchlichkeit des Landes. So kam z.B. eine völlig ungepflegte Insel mit Wellblechhütte und einer armen 10-köpfigen nicaraguanischen Familie direkt neben einer anderen Insel zum Vorschein, auf der ein reicher Nicaraguaner eine Traumvilla inklusive Yacht hat bauen lassen. Unser Begleiter auf dieser Tour, ein 18-jähriger Junge, hat früher selbst auf einer dieser Inseln gewohnt und konnte uns so viel über das Leben und die Zustände erklären. Bei einer Pause kam ich länger mit ihm ins Gespräch und es entwickelte sich eine interessante Unterhaltung, u.a. über die Situation der jungen Mädchen die schon in so jungem Alter hier selbst Mama und von ihren Männern oft verlassen wurden, über die politische Lage Nicaraguas und über die großen Unterschiede im Land zwischen Arm und Reich. Später machten wir noch Halt bei einer anderen „Insel-Großfamilie“, was uns einen kleinen Einblick in ihr sehr einfaches Leben erlaubte.
Mehr Zeit sollte uns leider in dieser schönen Stadt nicht bleiben, so ging es am nächsten Morgen weiter nach Managua, der Hauptstadt Nicaraguas mit Zwischenhalt in Masaya. Masaya selbst hat nicht viel zu bieten. Wenn man in Dietzenbach im Sommer jedoch gerne mit seinen Mädels auf dem „Masayaplatz“ einen Eisbecher isst, muss man – wenn man schon so nah dran ist – die Gelegenheit nutzen, wenigstens einen Fuß in unsere Partnerstadt zu setzen finde ich. Außerdem kann ich jetzt im Nachhinein sagen, dass Masaya sehr wohl etwas zu bieten hat, nämlich einen wunderschönen Kunsthandwerkmarkt, auf dem wir einige Stunden zubrachten (auf diese Weise muss ich mich doch noch mal bei meinem Freund für meine große „Über-den-Markt-Schlender-Vorliebe“ entschuldigenJ)
Die Hauptstadt Managua war keineswegs attraktiv und dazu hatten wir noch das Pech in einem sehr gefährlichen Viertel gelandet zu sein, da sich hier der Busbahnhof des „Ticabus“ (die in ganz Mittelamerika am weitesten verbreitete internationale Busgesellschaft) befand. So riet uns der Mann, bei dem wir die Nacht bis zur Abfahrt 4h morgens ein kleines Zimmer gebucht hatten, nach Dunkelheit auf keinen Fall mehr in dem Viertel zu Fuß unterwegs zu sein und auch tagsüber nur ganz bestimmte Straßen zu nutzen, das Geld im Schuh zu verstecken und nur einige Cordoba greifbar in der Hosentasche zu haben, falls es zu einem Überfall käme. Bei einer solchen Warnung, hatte man da überhaupt noch Lust das Zimmer zu verlassen? Daniel und ich entschieden uns für ja, da wir nicht wussten was wir sonst mit dem Nachmittag anfangen sollten. Wirklich weit trauten wir uns jedoch nicht und verbrachten deshalb bloß einige Stunden in einem Einkaufszentrum, was 1 zu 1 einer amerikanischen mall ähnelte und uns für 2-3h in eine völlig andere Welt versetzte, weit weg von allen Gefahren. Wir planten jedoch fest, vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren.
Der Ticabus brachte uns am folgenden Tag völlig entspannt über die Grenze nach Honduras bis nach Tegucigalpa, der Hauptstadt unseres 3. Reiselandes. Im Gegensatz zu Daniel hatte ich schon vor der Grenzüberschreitung ein etwas mulmiges Gefühl im Margen, da ich sehr wenig über die momentane Situation und die Menschen in Honduras wusste. Ein weiteres Mal bog der Bus in eines der gefährlichsten Viertel der Stadt ab und als wir ausstiegen, wurde dieses ungute Gefühl nur noch verstärkt. Überall sah man Polizisten und Wachleute mit Maschinengewehren bewaffnet herumstehen, die Häuser wirkten sehr verlassen und kaputt und auch das Taxi, in das wir stiegen schien mir nicht sehr geheuer. Ich war froh drei Stunden später in einem nächsten Bus zu sitzen, der uns aus der Hauptstadt raus und weitere acht Stunden gen Norden an die Küste nach La Ceiba brachte. Jetzt mussten wir doch Glück haben und karibische Traumstrände zu Gesicht bekommen, so wie man sie sich vorstellt… Das hofften wir, doch ein weiteres Mal wurden wir enttäuscht. Anstelle von einem Strand der zum Erholen einlud, blickten wir am nächsten Morgen auf einen Strand, von Müll überfüllt und stets den bewaffneten Wachmann im Rücken. Hier wollten wir nicht bleiben!
Ziemlich missmutig verließen wir nach insgesamt bloß 12h La Ceiba diese Stadt schon wieder und nahmen weitere zwei Busse, die uns bis nach Copán, eine Stadt berühmt für seine Maya-Ruinen, brachten. Zu den beiden Busfahrten möchte ich kurz etwas schreiben, da sie unterschiedlicher und charakterisierender für das Land einfach nicht hätten sein können! Der 1. Bus war ein ganz normaler Überlandbus – keine besonders tolle Qualität, dafür billig und praktisch. Was Daniel und mich nach den ca. 5h in diesem Bus aber fast zum Überlaufen brachte, war die (wie wollen wir es nennen..?) „Fresskultur“ der Honduraner. Es war einfach unglaublich, wie viel die Menschen an fettigen Chips, Fastfood und schnell zubereitetem Essen in sich hineinstopften und wie sehr dies schon auf den Alltag Einfluss genommen hatte. So machte der öffentliche Bus nach 3h für 30 Minuten Pause, damit sich alle mit noch mehr Essen eindecken konnten. An jedem 2. Parkplatz hielt der Busfahrer außerdem an, und Verkäufer stiegen ein, die für etwa zwei Stationen den Bus begleiteten, um anschließend mit schon weit leereren Körben ihr Glück im nächsten Bus zu versuchen. Der 2. Bus wiederum stellte zum ersten einen riesigen Unterschied in Sachen Ausstattung und Preis dar. Beim Kauf des Tickets war uns dies noch nicht bewusst, doch jetzt im Nachhinein kann ich gut sagen, dass diese Busfahrt in etwa mit einem 1.-Klasse-Flug in einer Lufthansa-Maschine zu vergleichen ist. Die Sitze waren größer als ich sie mit doppeltem Gewicht je gebraucht hätte, jeder Passagier bekam ein kühles Getränk und einen Snack direkt an den Platz serviert und während der Fahrt gab es einen Busbegleiter, der stets bei Fragen zur Stelle war. Ich fühlte mich ganz ehrlich etwas lächerlich in diesem Bus, jedoch war mir gleichzeitig nichts wichtiger als so schnell wie möglich in Richtung Grenze nach Guatemala zu gelangen. Unser nächstes Ziel Copán lag zwar noch in Honduras, jedoch erbot sich uns direkt ein ganz anderes Bild, als wir hier ausstiegen. Die kleine, mitten in den Bergen liegende Stadt war mir sofort sympathisch und das 1. Mal hatte ich das Gefühl seit wir in Honduras angekommen sind, ganz unbeschwert atmen zu können.
Honduras hat mir wirklich nicht gefallen und ich habe mich sehr unwohl gefühlt in den wenigen Tagen, in denen wir dort waren. Copán zählt deshalb für mich auch nicht mehr zu Honduras, sondern schon zu Guatemala, das nur 8km von dieser Ruinen-Stadt entfernt ist.
Zwei entspannte Tage verbrachten wir in Copán. Den ersten nutzten wir dafür, die Ruinen zu erforschen und ein wenig mehr über die Geschichte der Maya zu erfahren. Für mich waren es die ersten Ruinen, die ich seit meinem Aufenthalt hier in Mexiko sah und ich war beeindruckt von der Bauweise und der Tatsache, dass die Maya vor so vielen tausend Jahren schon so eine Meisterleistung vollbrachten. Am zweiten Tag besuchten wir ein kleines Dorf, in dem vielleicht 20 Familien wohnten und die eine einzige Einnahmequellen hatten, nämlich Puppen die sie per Hand aus gefärbten Maisblättern herstellten. Ich war begeistert von diesem kleinen Dorf und vor allem von den Kindern, die alle um uns herumsprangen als wir ihre kleine „Fabrik“ betraten. Während uns eine Frau demonstrierte, wie sie diese Puppen anfertigte und ich einige Fotos von ihrer Arbeit machte, waren die Kinder so fasziniert von meiner Kamera und wollten jedes Foto gleich drei Mal sehenJ Später sangen die Kinder uns noch ein Lied und Daniel und ich kauften der Frau die Puppe ab, die sie angefertigt hatte als wir da waren. Wirklich etwas anzufangen wussten wir zwar nicht mit ihr, aber immerhin konnten wir so ein klein wenig dieses Dorf unterstützen.
Am gleichen Tag machten wir uns noch auf in Richtung Grenze und kamen in unserem 4. Reiseland – Guatemala – an. Vor knapp zwei Wochen war ich hier wegen meines Fluges schon mal gewesen, jedoch ca. 200km weiter südwestlich in Antigua. Nichtsdestotrotz war ich mir sicher, dass es mir auch hier im östlichen Teil sehr gut gefallen wird.
Für den heutigen Tag war unser Ziel lediglich Rio Dulce, von dort aus wollten wir am nächsten Tag mit dem Boot nach Livingston weiterfahren. Livingston ist das einzige Städtchen in Guatemala, in dem immer noch der Hauptteil der Bevölkerung den „garifunas“ angehört. Die garifunas sind ein Volk, das sich nur an der Karibikküste niedergelassen hat (vor allem in den Teilen Honduras) und ihre ganz eigene Sprache, Kultur, Musik und Lebensweise – den Jamaikanern sehr ähnlich – hat. So war vor allem ich gespannt auf unsere Zeit dort. Silvester wollten wir ebenfalls in dieser Stadt, die nur über Wasser zu erreichen ist, verbringen. Auf der Schiffsfahrt dorthin merkte ich einmal wieder, wie klein die Welt doch ist… So stiegen zwei sehr gute Freunde und Mitfreiwillige meines Projektes zu uns ins Boot, da sie ebenfalls geplant haben über Neujahr Livingston zu erkunden. So durften wir anstatt zwei Mal gleich sechs Mal (warum 6? Hihi, das ist eine schöne Aufgabe für alle, die die Mathematik und die Stochastik so lieben wie ichJ) anstoßen, als die Uhr am 31. Januar 12 Mal schlug. Ansonsten habe ich diese Silvester-Nacht allerdings in nicht so schöner Erinnerung. Jeder der mich kennt weiß, dass ich ohnehin etwas ängstlich bin vor den ganzen Geschossen und in Livingston war es tatsächlich so, dass ganze Böllerketten (und das waren keine kleinen Ketten – sie hatten mehr die Größe von Feuerwehrschläuchen!) angezündet wurden und dann ca. 3 Minuten am Stück krachten. Eine ganze Weile nachher zog noch der Rauch durch die Straßen.
Wenn auch diese Nacht nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach, war der nächste Tag sehr schön und gab mir einen guten Eindruck über das Leben der garifuna. Sie sind ein sehr fröhliches Volk, bei dem Gesang und Rhythmus eine große Rolle spielt. Zufällig lief ich an einer Art Umzug vorbei und sah einige verkleidete Gestalten, die sich geschickt auf verschiedene Trommelrhythmen bewegten. Im Hintergrund begleiteten drei ältere Frauen die Trommelklänge in einer Art Gospelchor. Was mir neben diesen positiven Eindrücken allerdings auch auffiel ist, dass die Einwohner Livingstons sehr schnell böse werden können, wenn man ihnen nicht gibt, was sie wollen. Wenn das Trinkgeld beispielsweise bei einer Musikeinlage nicht hoch genug ausfiel oder wenn man ihnen kein Marihuana (das es dort wie Sand am Meer gibt) abkaufen wollte, reagierten sie häufig sehr pampig und die anfängliche Freundlichkeit war wie weggeblasen. Diese Tatsache rief in mir doch teilweise ein großes Unwohlsein hervor. So verabschiedete ich mich von dieser Stadt mit einem lachenden und einem weinenden Auge und wir vier zogen weiter nach Antigua. Hey, hier war ich doch schon mal vor knapp 2 WochenJ
Wir bezogen ein richtig schönes Hostel, liefen über den Kunsthandwerkmarkt der Stadt und gingen lecker Essen. Daniel und ich brachen schon am nächsten Morgen auf, während die anderen beiden noch einen Tag länger blieben, um einen Vulkan in der Nähe zu besteigen.
Von Antigua aus nahmen wir einen chicken-bus nach Chichikastenango, einem noch sehr seiner Kultur treu gebliebenem und typischem guatemaltekischen Bergdorf. Mir persönlich gefiel es sehr dort und eine ganze Stunde verbrachten wir lediglich damit, uns auf die Treppe einer Kirche zu setzen und dem bunten Markttreiben mit unseren Blicken zu folgen. Ab und zu kam ein kleines Kind vorbei, welches uns nach 1 Quetzal fragte, andere wollten unsere Schuhe putzen, wieder andere Süßigkeiten verkaufen. Gekauft haben wir zwar nichts, im Gegenzug dazu gaben wir aber jedem Kind das uns ansprach ein kleines Gummibärchen oder ein Brausebonbon und ließen sie sich zu uns setzen.
Von Chichikastenango aus nahmen wir abermals einen chicken-bus, der uns bis nach Panajachel brachte. Dies war unser letztes Reiseziel und die letzten beiden Tage am wunderschönen „Atitlan-See“ dienten unserer puren Entspannung und (zumindest für mich) zum Krafttanken für die Arbeit, die nun wieder anfing.
Am 5. Januar nahmen wir von Panajachel aus einen Shuttle, der uns nach 11 Stunden in San Cristóbal, unserem Ziel, absetzte.

Hier soll mein Bericht enden, da zumindest für mich San Cristóbal keine „Reise“, sondern mittlerweile wirklich zuhause für mich ist. Ich führte Daniel ein wenig herum, zeigte ihm meine Lieblingsplätze in der Stadt und wir beiden verbrachten hier noch wunderschöne zwei Wochen gemeinsam, bis er sich wieder zurück auf den Heimweg machen musste. Der Abschied fiel uns sehr schwer und heute – drei Wochen später – denke ich an manchen Tagen noch immer, dass er vielleicht doch in unserer gemütlichen Wohnung sitzt und nach der Arbeit auf mich wartet. Das ist natürlich nicht der Fall und für mich ist wieder der volle Alltag eingekehrt. Die Arbeit nimmt einen riesigen Teil ein, da der 5. Geburtstag von Sueniños ganz kurz bevor steht und sehr viel vorbereitet werden muss. Doch ich genieße die viele Zeit mit den Kindern, auch wenn sie oft viel Kraft und Anstrengung kostet. Ansonsten gehe ich wieder zu meinem Tanzen, wir treffen uns zwei Mal die Woche mit Freunden zum Volleyball spielen, wir gehen öfters einen Kaffee oder am Abend einen Wein trinken und wenn bei der vielen Beschäftigung doch noch etwas Zeit bleibt, setzte ich mich mit einem guten Buch in den Garten und freue mich daran, dass ich hier bin!

Ich danke euch allen, die mich weiterhin nicht vergessen haben, mir aus Deutschland schreiben, mich mit Neuigkeiten versorgen und mich hier im fernen Mexiko seelisch (und einige ja auch bald körperlich – Michi, Esther, Sophie ich freue mich riesig auf euchJ) unterstützen.

Fühlt euch gedrückt, eure Tine

Rundreise

Bilder zur Rundreise in Mittelamerika...

neue Fotos


Bilder November, Dezember, Januar






Montag, 30. November 2009

BILDER Oktober/ November

Schaut euch die Bilder nur an, wenn euch bewusst ist, dass man schnell neidisch werden kann :-P



Sonntag, 29. November 2009

2. Monatsbericht





Jeder Schritt ins Unbekannte oeffnet gleichzeitig neue Fenster das zu entdecken, was vorher verschlossen und nur fuer Wenige sichtbar war ...


2. ERFAHRUNGSBERICHT


- Oktober/ November 2009 -


Nun ist schon wieder so viel Zeit vergangen und es faellt mir schwer, alledem was ich erlebt habe, allen Menschen die ich getroffen habe und allen Eindruecken die ich hinzugewonnen habe, gerecht zu werden. Dennoch versuche ich in diesem 2. Bericht so genau wie moeglich meine Gedanken und Erlebnisse wiederzugeben, damit ihr ein Stueck weit besser an meinem wunderbaren Leben in Mexiko teilhaben koennt.
In diesem Bericht moechte ich ueber 4 Punkte ausfuehrlicher berichten:

1) „Dia de los Muertos“

2) „Mi vida“

3) „Caza del tesoro“

4) „Campamento de Refugiados“


Wenn man an Mexiko denkt und ein Ereignis nennen soll, was fuer dieses Land bekannt ist, so wird man nicht selten „Dia de los Muertos“ als Antwort bekommen. Uebersetzt kann man vom „Tag der Toten“ sprechen, bei uns Allerheiligen.
Auch ich kam in Deutschland schon ganz vorsichtig mit allen moeglichen Braeuchen und Traditionen dieses Tages in Beruehrung, als meine Spanischlehrerin - selbst Mexikanerin - uns Anfang November verschiedene Plakate, Pueppchen und anderen Krimskram mitbrachte. Auf allem waren Skelette in bunten Trachten und breit grinsenden Gesichtern dargstellt. Meiner Meinung nach sehr kitschig und zu diesem Zeitpunkt wollte ich auch noch nicht urteilen, was ich davon hielte, dass hier in Mexiko der Tod nichts Trauriges, sondern mehr eine fiesta ist.
Ich bin fuer diese besondere Feierleichkeit mit Carlos, einem guten Freund, in ein nahe gelegenes Dorf gefahren. Normalerweise ist es naemlich so, dass in den kleineren Doerfern alte Braeuche meist noch staerker ausgefuehrt werden und Tenechapa ist sehr traditionell. Schon die Hinfahrt auf der Ladeflaeche eines Pick Ups habe ich sehr genossen J
Jetzt wo ich den Tag auch mal live miterlebt habe, kann ich schon besser einschaetzen, was hinter der besagten Tradition steht. Dennoch moechte ich weiterhin kein Urteil ueber gut/ schlecht, richtig/ falsch abgeben.
Der eigentliche Feiertag ist der 2. November, doch mittlerweile hat es sich so eingependelt, dass am 1. November die grosse Feier ist und die Mexikaner den 2. November nutzen, um sich wieder zu erholen. Leider ist naemlich viel viel Alkohol – genauer gesagt Pox (ein starker Schnaps, den man aus Zuckerrohr gewinnt) - und Refresco (es gibt glaube ich kein deutsches Wort hierfuer. Hierunter fallen alle Getraenke, die suess und pappig sind - wie Cola, Fanta, Sprite etc.) ein mittlerweile nicht mehr wegzudenkender Bestandteil dieser Feierlichkeiten. Am 1. November zieht es also den Grossteil der Mexikaner (meist in riesigen Familienverbaenden) auf den Friedhof, um ihren verstorbenen Angehoerigen voll und ganz diesen Tag zu widmen. Es werden Unmengen an Blumen aufgestellt, Kerzen angezuendet, Weihrauch verstreut und oftmals bekommt der Verstorbene nochmal das auf sein Grab gelegt, was er zu Lebzeiten gerne mochte – mag es eine Orange, Brot, Schnaps oder Suessigkeiten sein. Die Stimmung ist ausgelassen, der Tote wird regelrecht gefeiert. So kann man am 1. November noch bis spaet abends die laute Musik hoeren, aber leider auch die betrunkenen Maenner an vielen Strassenecken liegen sehen.
Wie bei vielen Dingen, wird auch dieses Ereignis kommerziell sehr ausgenutzt. Viele Laeden haengen voll mit alle moeglichem Kitsch, den man fuer das Fest kaufen kann. Es wird sich verkleidet und gerade hier in San Cristobal haben viele Bars und Diskotheken mit besonderen Partys an diesem Wochenende geworben. Da ich ueberhaupt kein Fan von dieser Verkleiderei bin, bin ich diesen „neuen“ Braeuchen gut aus dem Weg gegangen. Lediglich verschiedene Gruppen von verkleideten Kindern, die in Geschaeften und Haeusern nach Suessigkeiten fragen, sind mir ueber den Weg gelaufen. Doch das fand ich ganz schoen, da es mich wieder an meine Zeit in den USA erinnerte.



Mittlerweile lebe ich nun schon 3 Monate in meiner neuen Heimat und mag es deshalb schon wagen von „mi vida“ , also von meinem Leben, zu sprechen.
Nach wie vor geht es mir sehr gut hier. In der WG mit meinen Mitbewohnerinnen Judith und Jeannette fuehle ich mich sehr wohl. Wir fuehren ein sehr ruhiges und entspanntes Leben in unserem Haus, kochen immer mal ab und zu zusammen, sitzen abends oft gemeinsam in der Kueche und plaudern ein wenig. Die Wochenenden und Vormittage nutze ich viel die tagsueber noch starke Sonne aus, waehrend ich es mir im Garten oder im Innenhof gemuetlich mache. Ich nehme mir hier viel Zeit fuer mich, lese ein Buch oder reflektiere was ich bisher schon alles erleben und lernen durfte. Dies ist auch notwendig, denn wer mich etwas besser kennt weiss, wie sonst ein typischer Tag in meinem Leben aussieht. Und daran hat sich auch hier nicht viel geaendert, ich bin immer noch sehr viel unterwegs und nutze jeden Tag bis zur letzten Minute aus. Mein Kalender, der an manchen Tagen kaum noch weisses Papier durchscheinen laesst und mein vieles Freizeitprogramm machen mich jedoch sehr gluecklich. Drei Mal die Woche gehe ich zum Zumba, das ist eine Art Tanzworkout – lustiges Rumgehopse, verbunden mit Salsa oder Merengue-Schritten J Hier habe ich richtig Spass und seit einiger Zeit gehe ich zusaetzlich mit dem „Trainer“ einige Male die Woche noch joggen oder schwimmen. Cesar ist Triathlet und auch ich werde am 5. Dezember an einem kleinen Triathlon teilnehmen – also alle ganz fest Daumen druecken J Mit Basketball habe ich aufgehoert, da mich der Sport nicht so erfuellt hat, auch wenn das Team und der Trainer total nett und hilfsbereit waren.
Ansonsten habe ich einmal die Woche Gitarrenstunde und habe mich auch schon um einen Trommelkurs gekuemmert. Nach den Weihnachtsferien werde ich wahrscheinlich noch bei einem Baeckerei-Workshop mitmachen, damit ich euch danach alle mit leckeren mexikanischen Gebaecken verwoehnen kann J
Bin ich also nicht gerade mit einem dieser Dinge beschaeftigt, verbringe ich gerne Zeit im Stadtzentrum von San Cristobal, treffe mich mit Freunden und an den Wochenenden plane ich ab und zu kleine Ausfluege, um Mexiko auch ausserhalb San Cristobals besser kennenzulernen. Einmal hat mich ein Freund mit zu einer Hochzeit genommen – ebenfalls ein tolles Erlebnis und interessant wie anders doch alles war!
Mit meinem Spanisch habe ich mittlerweile auch kaum noch Probleme. Bei normalen Alltagsgespraechen muss ich eigentlich kaum noch ueberlegen, da sprudeln die Worte von alleine heraus. Viel erschreckender ist, dass ich kaum noch Englisch kann. Als mich vor kurzem ein Tourist auf Englisch nach dem Weg fragte, antwortete ich prompt in Spanisch und die leichtesten Worte wollten mir nicht einfallen! Das nehme ich aber erstmal gelassen so hin J



Ein Ereignis moechte ich in diesem Bericht auch noch bezueglich der Arbeit erwaehnen, wobei ich in den folgenden Erfahrungsberichten noch mehr auf die Arbeit in den colonias eingehen moechte.
Seit einer Woche hat meine Arbeit in „Suenicos“ begonnen, die zwei Monate vorher hatten hauptsaechlich mit Planung und Vorbereitung zu tun. Ausserdem musste „Suenicos“ als Programm bekannt gemacht werden. Die Monate Oktober und November dienten also auch dem Zweck der Werbung. Ein Teil dieser Werbung war die „Caza del tesoro“ von der ich hier kurz berichten moechte. Uebersetzt heisst das Ereignis Schatzsuche und unter diesem Motto versammelte sich das komplette Team des Sueniños am 17. Oktober schon frueh morgens in der colonia „5º de marzo“. Alles war bis ins kleinste Detail geplant, wenn nun auch genuegend Kinder kommen wuerden, konnte dieser Samstag zu einem vollem Erfolg werden... Und sie kamen und sie kamen, am Ende hatten sich ueber 100 Kinder auf dem Platz eingefunden, die alle voller Vorfreude an der Schatzsuche teilnehmen wollten.

Insgesamt gab es 8 Stationen, die die Kinder in Gruppen ablaufen mussten. Eine Station war beispielsweise Dosenwerfen, eine andere Luftballontanz, des Weiteren mussten die Kinder in einer Station Unterschiede in zwei gleich zu scheinenden Bildern finden. Meine Station hiess „tela de araña“, also Spinnennetz. Zwischen 2 Baeumen habe ich ein Seil gespannt, dass sich mehrmals kreuzte und die Kinder mussten mit so wenigen Beruehrungen wie moeglich das „Spinnennetz“ durchqueren. Aufgebaut haben wir unsere Stationen in den Innenhoefen von 8 unserer Projektkinder vom Sueniños. Ich arbeitete im Innenhof von Dianas Familie. Diana ist 11, manchmal etwas schuechtern und ruhig, aber heute ging sie total auf, als sie mir bei meiner Station in ihrem Innenhof helfen konnte. Gemeinsam entschieden wir stets wieviele Punkte auf einer Skala von 1-3 die Gruppe erhalten sollte und schickten die Gruppe anschliessend weiter zur naechsten Station. Um den Weg bzw. die Adresse des naechsten Hauses zu erfahren, mussten die Kinder in Teamarbeit die Adresse, die wir ihnen in Geheimschrift vorlegten, in normale Sprache uebersetzen.
Es war toll anzusehen, wieviel Spass die Kinder hatten und mit wieviel Geschick einige meine Station durchliefen. Nach 2 Stunden versammelten wir uns wieder alle, die Siegergruppe mit den meisten Punkten wurde gekroent und die letzte (und fuer die Kinder wohl wichtigste) Aufgabe stand an. Noch einmal musste die Geheimschrift im Team geloest werden, diesmal wies die Uebersetzung darauf hin, wo sich der Schatz befindet. Die Kinder liefen alle wie wild durcheinander und suchten unter jedem Grashalm, unter jedem Stein, hinter jeder Blume nach paletas, also Lutschern. Auch wenn mir diese Belohnung nicht so ganz passte, da die Kinder meiner Meinung nach von dem wenigen Geld, das sie haben, sowieso schon zu viel dulce (Suessigkeiten) kaufen, war es toll mit anzusehen, wie 100 Kinder breit grinsend wie kleine Ameisen ueber die Wiese flitzten. Hatten sie dann einen Lutscher gefunden, wurden die Augen gaaanz gross J
Ausserdem hatten wir genau das erreicht, was wir wollten. Wir haben die Kinder auf uns aufmerksam gemacht und nicht wenige kamen danach zu uns und fragten, wann wir denn wiederkaemen und wieder mit ihnen spielen wuerden.



Dieser 4. und letzte Punkt, ueber den ich in meinem 2. Bericht schreiben moechte, ist mir sehr wichtig. Ich finde solche Ereignisse sollten nicht verschwiegen werden und so sollt auch ihr ueber eine momentane Situation in San Cristobal lesen koennen... Meine Beobachtungen hierzu habe ich schon vor einem knappen Monat aufgeschrieben, seitdem hat sich aber nicht viel geaendert...
Campamento de Refugiados desplazados por el Ejercito de 28 de Junio en Carranza

Dieser Schriftzug steht auf einer der 3 Informationstafeln, die vor dem Fluechtlingslager aufgebaut sind. Heute ist Freitag, der 30. Oktober. Seit knapp einer Woche zeichnet sich das Stadtbild San Cristóbals etwas anders ab als man es vorher gewöhnt war. Am Hauptplatz vor der Kirche ist ein kleiner Bereich abgesperrt, dahinter befinden sich hauptsächlich Männer, auch einige Frauen, im Alter von 16-55 Jahren. Warum das Ganze?
Es ist ein typisches Problem, das hier in Chiapas schon lange Zeit herrscht und vor allem durch den Zapatistenaufstand 1994 sehr bekannt wurde.
Die Lage der Bauern hier ist sehr schlecht, sie werden ausgebeutet und müssen mit einem Minimum an Essen und Behausung leben. Warum – die Regierung gibt zwar vor, den ländlichen communidades in den umliegenden Bergregionen zu helfen, doch unter der Hand herrscht viel Korruption und Ungerechtigkeit.
Ich habe einen Freund, der früher bei Centro de los Derechos de las Fray Bartolome arbeitete, und so habe ich einen (ersten kleinen) Eindruck durch ihn vermittelt bekommen können was wirklich passiert. Was wirklich passiert und was die Regierung gerne verschweigt.
Jeder Bauer kann 4 Hektar von einem Großpächter bekommen, bezahlen muss er dabei 2 Hektar. Der Preis liegt bei ca. 1800 Pesos (ca. 90 €) für ein halbes Jahr. Er muss alle 4 Hektar bewirtschaften, die Ernte von 2 Hektar muss er jedoch direkt an den Großpächter weitergeben, von der Ernte des 3. Hektar muss er Ausgaben (wie z.B. die 1800 Pesos Kosten für Grund) begleichen und lediglich der 4. Hektar bleibt ihm zum eigenen Nutzen. Insgesamt heißt das, dass der Bauer viel Arbeit und Ausgaben hat, um schließlich einen einzigen Hektar effektiv nutzen zu können. Trotzdem ist er auf diesen ungleichmäßigen Deal angewiesen, um seine Familie versorgen zu können.
Der Großpächter, der von der Regierung kommt, geht natürlich als Sieger hervor. Doch dies soll nicht genug sein, von Zeit zu Zeit marschiert dazu noch das Militär in die Bergdörfer ein und verlangt mehr Abgaben, die ihnen eigentlich gar nicht zustehen. Diese Einmaersche sind haeufig gewaltsam und die Indigenen werden zu Dingen gezwungen, gegen die sie sich nicht waehren koennen.
Roselio de la Cruz Gonzalez schreibt in einer Art Tagebucheintrag, den ich auf der vom Fluechtlingslager selbst errichteten Informationstafel gelesen habe, folgendes:

„Ich kenne das Dorf und ich kenne die brutale Herangehensweise, mit der die Polizei in Carranza Chis vorgeht. Sie zwingen uns Dokumente zu unterschreiben, ohne dass wir wissen, worum es sich handelt. Wir koennen zwar nicht lesen, aber wir koennen denken und sehen das Schlechte, was die Regierung uns antut. Darum bitte wir alle Organisationen der Welt unserer „Familie“ zu helfen und eine Stuetze zu sein.“

Gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen die Bauern schon lange, doch nur wenige trauen sich offen gegen die Regierung vorzugehen, was jedoch wichtig ist, um auch der restlichen Bevölkerung die Augen zu öffnen. Zwei bekannte Namen in Punto Widerstand sind Samuel Ruiz und Arismendi, der Ruiz nach ca. 40 Jahren aktiver Unterstützung der einfachen Bergbevoelkerung ablöste. Beide sind Bischöfe, die durch die communidades reisen und Mut und Unterstützung zusprechen. Die Regierung sieht dies natürlich nicht gerne, vor ca. 3 Wochen erhielt Arismendi anonymerweise schon eine Morddrohung.
Auch die Widerstandskämpfer aus den Reihen der Bauern werden versucht so weit es geht von der Regierung zum Schweigen gebracht zu werden.
Genau hier bin ich wieder beim Anfang meiner Beschreibung des jetzigen Zustands angekommen - nämlich beim Hintergrund, warum in San Cristóbal gerade das Flüchtlingslager“Campamento de Refugiados“ vor der Kathedrale aufgebaut ist.
Jose M. Hernandez, Roselio de la Cruz Gonzales und Jose Manuel de la Torre waren drei Männer, die Widerstand leisteten und sich für eine gerechtere Verteilung einsetzten. Vor ca. 1 Monat wurden diese vor den Augen vieler Dorfbewohner umgebracht. Drei weitere wurden gefangen genommen und zwei wurden verwundet. Wer genau für die Morde verantwortlich ist weiß keiner, doch es ist klar, dass die Regierung dahinter steckt, die die Dörfer zum Schweigen bringen will, da sie jede Form des Aufstands fuerchten muss.
Die Flüchtlinge, die ihr Lager hier aufgebaut haben, bitten um Essen, Kleidung, Decken, Feuerholz und Unterstützung der Bevölkerung. Auf der Informationstafel klebt ein selbst geschriebener Zettel, auf dem genau dies zu lesen ist:

Al pueblo:
Les solicitamos su solidaridad para apoyar nuestra justa lucha con alimentos, cobijas, medicamentos, ropa para frio, pan, café, agua.
Gracias por su apoyo.
Organización Campesina Emiliano Zapata (OCEZ )

Auch ich habe die Fluechtlinge mit einer kleinen Spende unterstuetzt. Ich kann und will mir nur schwer vorstellen, wie sie die Naechte auf dem kalten und harten Steinboden verbringen, waehrend ich teilweise schon im Haus mit Pulli und nichtsdestrotrotz frierend einschlafe. Die Naechte sind hier mittlerweile schon sehr sehr kalt.
Neben Spenden ist es aber auch sehr wichtig, dass die Bevoelkerung ihren Teil leistet, indem sie einfach beobachtet. Es ist wichtig, dass immer wieder Menschen beim Lager vorbeischauen und aufmerksam sind. Aus Gründen der Hilfeleistung, aber noch wichtiger aus dem Hintergrund heraus, dass die Flüchtlinge im Prinzip illegal auf dem Hauptplatz sind. Sie haben ihr Lager einfach aufgebaut und müssen jeder Zeit fürchten, dass das Militaer sie (gewaltsam) wieder verscheucht.
Schriftzuege wie der, auf dem in roten und schwarzen Buchstaben steht

Alto al hostigamiento y persecución de nuestros compañeros de OCEZ

sollen die Aufmerksamkeit hochhalten und vielleicht helfen sie ja doch, dass die Bewohner der Bergdörfer irgendwann - vielleicht nicht in völliger Gerechtigkeit leben – aber einen Fortschritt verzeichnen können.
Heute ist Dienstag, der 24. November. Die Fluechtlinge sind noch immer da...

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Ich habe in meiner Beschreibung einige spanische Woerter benutzt und Schriftzuege wiedergegeben, da es so viel lebendiger wirkte finde ich. Um den Bericht zwischendurch nicht immer unterbrechen zu muessen, jetzt erst einige Erklaerungen zu Vokabeln etc:


Ejercito - Ereignis Communidades - kleine Doerfer & Regionen ausserhalb San Cristobals Pueblo - Dorf Solicitar - bitten Apoyar - unterstuetzen Justa lucha - gerechter Kampf Alimentos - Lebensmittel Cobijas - Decken Ropa para frio - Kleidung gegen die Kaelte Pan - Brot Agua - Wasser Alto al… - stoppt… Hostigamiento - Auspeitschung Compañeros - Freunde


Emiliano Zapata - Zapatistenfuehrer, der u.a. den Aufstand der Bauernbevoelkerung in Chiapas 1994 leitete
OECZ - “Organización Campesina Emiliano Zapata”- die Partei, die hinter Emiliano Zapata steht und sich fuer die Rechte der Bauern und Indigenen einsetzt
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