Für mich war es tatsächlich eine Rundreise, für Daniel eher eine 5-Länder-Tour. Wobei, wenn man betrachtet, dass es für ihn am Frankfurter Flughafen startete und mit vielen, vielen Zwischenstationen dort auch wieder endete, kann man wohl auch von einer Rundreise sprechen. So genau will ich hier allerdings nichts einschränken, deshalb wird mein 3. Erfahrungsbericht einfach ein Reisebericht:)
Für mich ging es am Morgen des 19. Dezembers mit einem Touristenshuttle auf nach Guatemala. Vorher hatte ich mich informiert, und es stellte sich heraus, dass diese „geführten“ Reiseverbindungen, oftmals sogar billiger sind. Oftmals – aber was in jedem Falle zutrifft ist, dass sie sehr viel angenehmer und unanstrengender, nicht aber immer so abenteuerreich sind, wie öffentliche Busse. Dazu möchte ich noch gerne später in Nicaragua eingehen.
Für meine 1. Grenzüberschreitung hier aus Mexiko raus war ich also froh, dass das Meiste für mich geregelt wurde. Ich musste mir lediglich an der mexikanischen Grenze einen Ausreisestempel holen, ein paar Meter zu Fuß die Grenze überqueren und mir in Guatemala einen Einreisestempel eintragen lassen. Die paar Meter Fußmarsch jedoch versetzten mich prompt in eine andere Welt. Die Gesichter, in die ich blickte, waren denen der mexikanischen Bevölkerung noch sehr ähnlich, aber das hektische Treiben und die vielen, vielen Guatemalteken, die an der Grenze alles – von Kochtöpfen, über Schuhe, über Handys – spottbillig an den Mann bringen wollten zeigte mir, dass Guatemala doch noch mal ein Stück ärmer und einfach anders ist als Mexiko. Auf den insgesamt 11h Busfahrt bis nach Antigua beobachtete ich v.a. mit großer Freude die bunten „chicken-busses“ – alte Schulbusse aus den USA, die hier als öffentliche Verkehrsmittel eingesetzt werden. Diese Art von Bussen gibt es in Mexiko nicht. Ich fand es genial, in was für einem Tempo Gepäck und Leute die Busse wechselten, teilweise ohne dass der Bus überhaupt daran dachte, langsamer zu werden. Als es dunkel wurde, ließ sich die volle „Schönheit“ der Busse erkennen. Hier flackerte blaues Licht, dort liefen gelbe Lichterstreifen die Heckscheibe des Busses herunter und fast jeden Bus schmückten irgendwelche Totenkopf oder „Gangstertattoos“. Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich einige Zeilen weiter oben Schönheit in Anführungszeichen gesetzt hatte J
Um 7 Uhr abends erreichten wir unser Ziel Antigua – eine sehr schöne, mittelgroße Stadt etwa 1h westlich von Guatemala City. Auf der Shuttlefahrt hatte ich schon einige Bekanntschaften gemacht und so kam es, dass ich mich mit einer Kanadierin gemeinsam nach einer Unterkunft umschaute. Die meisten hostels waren schon voll und so lud zumindest ich nur mein Gepäck ab, um mit Julien erst etwas essen zu gehen und dann ein wenig das Nachtleben Antiguas zu erkunden. Schon nach kurzen Gesprächen mit einigen Einwohnern stellte ich fest, dass hier teilweise ganz andere Worte gebraucht werden. „Chido“ was in San Cristóbal so viel wie cool heißt kannten sie hier z.B. gar nicht, oder „chamarra“ (ein wärmerer Pulli) heißt in Antigua ganz der englischen Sprache nachempfunden „sweater“.
Nach diesen ersten Eindrücken aus meinem 1. Reiseland holte mich um halb 3 am Morgen ein weiterer Shuttle ab, der mich zum Flughafen nach Guatemala City bringen sollte. Dort angekommen hatte aber noch alles zu, 45 Minuten solle ich warten hieß es. Netterweise bot mir ein junges Pärchen an mit ihnen im warmen Auto zu warten. Dieses Angebot nahm ich gerne an und so bekam ich diese Nacht doch noch ein paar Minuten meine Augen zu.
Mit meinem Flug nach San José lief alles glatt und um kurz vor Acht betrat ich Costa Ricanischen Boden – mein 2. Reiseland. Daniel war schon eine Nacht früher angekommen und so nahm ich am Morgen allein den Bus ins Zentrum San Josés und lief von der Haltestelle aus ein kleines Stück bis zu seinem Hostel. Hinter einigen Scheiben Baguette, Marmelade, Butter, O-Saft und Kaffee erblickte ich ihn und wir lagen uns erstmal lange in den Armen. Die Freude des Wiedersehens war groß und die Vorfreude auf unser anstehendes Abenteuer riesig. So wollten wir gar nicht viel Zeit vergeuden und nahmen direkt um 11 einen Bus nach La Fortuna. Die Fahrt dauerte ca. 4 Stunden und zeigte uns wie grün dieses wunderschöne Land doch ist. Die Stadt lag mitten in einem Regenwaldreservoir – da gehörte es natürlich dazu, dass wir mit einem heftigen Regenschauer begrüßt wurden! Nach einigen mehr oder weniger schönen Zimmern, die wir uns für die Nacht anschauten entschieden wir uns für ein ebenfalls nicht sehr schönes Zimmer J Der ausschlaggebende Punkt war aber die Gastfreundschaft dieses alten Pärchens und ihrer Tochter – hier wollten wir bleiben. Wir wohnten quasi mit ihnen im Haus und noch am selben Abend saßen wir gemeinsam in ihrem Wohnzimmer. Ohne sich nach unseren hungrigen Bäuchen erkundigt zu haben, wurde uns „gallo pinto“ (Reis mit Bohnen – ein typisches Essen für Costa Rica und auch Nicaragua) serviert und wir unterhielten uns gemeinsam über mögliche Ausflüge, die wir die kommenden Tage hier machen könnten. Daniel und ich entschieden uns für eine Vulkantour gleich morgen und eine „Canopy-Reit-Tour“ für den folgenden Tag. Die Vulkantour war letztendlich wirklich eins unserer Highlights auf der ganzen Reise! Am Nachmittag ging es los, ca. eine Stunde den Fuß des Vulkans erklimmen, an einem super Aussichtspunkt auf die Dunkelheit warten und mit etwas Glück den Vulkans ausbrechen sehen… Und wir hatten Glück, es war ein schönes Spektakel!
Von La Fortuna aus machten wir uns zwei Tage später auf den Weg weiter in Richtung Norden, um eine Nacht am Strand „Playa Hermosa“ an der Pazifikküste Costa Ricas zu verbringen. Von der Umgebung waren wir etwas enttäuscht, so hatten wir uns doch einen weißen Strand und klares Wasser vorgestellt, in Wahrheit erwartete uns jedoch ein relativ heruntergekommenes „Stück Sand“. Ein weiteres Mal jedoch landeten wir einen Glückstreffer, was die Wahl der Übernachtung anging. Für Costa Ricanische Verhältnisse billige 10 Dollar bekamen wir ein Bett in einem kleinen Zimmer, dass wir uns mit einem Guatemalteken teilten und ein Frühstück. Dies war in Ordnung, aber in dem Sinne noch kein Glücksbringer. Die Familie die uns unterbrachte war vielmehr der Glückstreffer! Ein Pärchen und ihr ca. 16-jähriger Sohn, sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, mit denen wir uns am Abend und am Morgen beim Frühstück nett über ihr Land und vor allem unser nächstes Reiseziel Nicaragua unterhielten. Interessant war, dass der Mann sehr von Nicaragua und der Gastfreundlichkeit der Menschen dort schwärmte, sein eigenes Land aber eher bescheiden darstellte. Am Morgen nahm uns die Frau dann sogar noch fast mit bis an die Grenze, da sie sowieso in diese Richtung wollte um das Wochenende bei ihrer Mutter in der nächst größeren Stadt zu verbringen. Von dort aus nahmen wir also einen Bus, der uns an der Grenze absetzte und in Nicaragua müssten wir dann einfach den nächsten Bus in Richtung Managua nehmen, so hieß es... Einfach ist deshalb gut gesagt, weil dieser Grenzübergang Costa Rica – Nicaragua einfach „loco“, also verrückt war. So viele Menschen auf einem Fleck - viele wussten nicht wo hin, viele versuchten sich in den meterlangen Schlangen vorzudrängeln, andere verteilten die Einreiseformulare, die sie allerdings nur gegen Geld rausrücken wollten. Mit einem Jungen gerat ich deshalb kurz aneinander, da ich meinte die Formulare seien umsonst (so kannte ich es schon von der vorherigen Grenze). Prinzipiell hatte ich auch Recht, doch da wir in diesem Getümmel an keine „offiziellen“ Personen rankamen, drückte ich dem Jungen am Ende doch ein paar Cordoba in die Hand – unter anderem auch aus dem Wunsch heraus, endlich aus diesem „Ameisenhaufen“ entfliehen zu können. Außerhalb der Grenze sah es jedoch nicht besser aus, die Busse wurden bis zum Überlaufen vollgestopft und an stickiger Luft und schwitzenden Körpern kam man nicht vorbei. Hier bin ich also beim Punkt vom Anfang des Berichts angekommen: „öffentliche Busse in Nicaragua – ein Abenteuer, aber für die Nerven auch nicht immer das Beste J“. Einige Stunden verbrachten wir so auf unserer Route in Richtung Norden, bis wir in Rivas ausstiegen und einen Taxi bis zur Hafenstadt San Jorge nahmen. Von dort sollte es weiter gehen zur „Isla de Ometepe“ – unserem nächsten Reiseziel. Im Bus hatten wir Bekanntschaft mit einem amerikanischen Pärchen gemacht, mit denen wir schließlich auch das Taxi teilten. Glück im Unglück soll man so was nennen, denn als es ans Bezahlen ging konnte ich meinen kleinen Geldbeutel einfach nicht finden. Und tatsächlich tauchte er auf der ganzen Reise auch nicht wieder auf. Tine, die immer der Meinung war auf alles so gut aufpassen zu können J, wurde beklaut! Derjenige muss sich aber auch geschickt angestellt haben, so hatte ich doch die ganze Zeit meinen Rucksack im Auge – dachte ich. Netterweise bezahlte uns das Pärchen das Taxi und gab uns so viel Cordoba, dass wir die Fährfahrt bis zur Insel bezahlen konnten. An dem Abend waren wir wirklich froh, ins große Bett fallen zu können – und das für einen Spottpreis, ca. 4 Dollar für Daniel und mich für eine Nacht. Ja, Nicaragua war doch noch mal ein Unterschied zu Costa Rica!! Zuvor genossen wir jedoch noch ein leckeres Abendessen mit zwei Deutschen die sich in Nicaragua niedergelassen haben und hier nun wohltätig arbeiten, einer Österreicherin die auf Rundreise war und dem Sohn unseres Hotelchefs, der auf der Insel Reiseführer ist. Mit letzterem planten wir für den folgenden Tag eine Inselrundtour im Schnelldurchlauf. Im Schnelldurchlauf aus zwei Gründen: Zum einen weil dieser Tag der 24. Dezember war und dies hieß, dass nach 4 Uhr nachmittags und für die nächsten drei Tage ein Wegkommen von der Insel unmöglich war. Und zum anderen, weil Daniel und ich keinerlei Bargeld mehr bei uns trugen und wir auf Sparflamme lebten. Glücklicherweise bot uns der Hotelsohn an, uns über die 1 1/2 Tage auszuhelfen und legte uns Geld für die Busfahrten und Essen vor. Am Tag unserer Abreise begleitete er uns mit zur Hafenstadt, wo wir ihm das ganze Geld zurückgaben und uns herzlichst bei ihm für seine Hilfsbereitschaft bedankten. Später habe ich mir noch einmal Gedanken darüber gemacht, wie besonders doch seine Hilfe war – ein Nicaraguaner, der uns Deutschen mit einer ganzen Menge Geld aushilft, ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Wirklich toll!
Nach der Insel war Granada unser nächstes Ziel. Eine wunderschöne Stadt im Kolonialstil, meiner Meinung nach San Cristóbal sehr ähnlich. Hier verbrachten wir Heiligabend, wobei dieser – für mich eigentlich doch immer sehr schöne Moment – für uns zwei dieses Jahr komplett ausfiel. Völlig fertig von einer weiteren Busfahrt in einem überfüllten Bus auf Nicaraguas Straßen, fielen wir am Abend des 24. schon um halb neun ins Bett und schliefen bis in den nächsten Tag hinein. Irgendwie fand ich es aber auch mal schön zu sehen, dass Weihnachten ganz einfach ausfallen kann und dieses ganze Hin und Her von Geschenken und vielem Essen vielleicht gar nicht immer notwenig ist?! Ein wenig vermisste ich nichtsdestotrotz meine Familie, mit der ich an diesem Tag bisher jedes Jahr (außer während meines Austauschjahres in den USA) zusammen war. Auch der riesige und sehr kitschige Weihnachtsbaum auf der plaza von Granada ließ die Weihnachtsstimmung bei fast 30°C nicht in mir aufkommen. Stattdessen verbrachten wir einen sehr gemütlichen Vormittag im Stadtzentrum und unternahmen am Nachmittag eine Bootstour zu den „365 isletas“ – insgesamt 365 kleine Inseln im Küstengebiet des Nicaragua-Sees, die sich vor einigen hundert Jahren durch einen Vulkanausbruch gebildet hatten. Auf der Vorbeifahrt zeigte sich ganz deutlich der krasse Unterschied und die Widersprüchlichkeit des Landes. So kam z.B. eine völlig ungepflegte Insel mit Wellblechhütte und einer armen 10-köpfigen nicaraguanischen Familie direkt neben einer anderen Insel zum Vorschein, auf der ein reicher Nicaraguaner eine Traumvilla inklusive Yacht hat bauen lassen. Unser Begleiter auf dieser Tour, ein 18-jähriger Junge, hat früher selbst auf einer dieser Inseln gewohnt und konnte uns so viel über das Leben und die Zustände erklären. Bei einer Pause kam ich länger mit ihm ins Gespräch und es entwickelte sich eine interessante Unterhaltung, u.a. über die Situation der jungen Mädchen die schon in so jungem Alter hier selbst Mama und von ihren Männern oft verlassen wurden, über die politische Lage Nicaraguas und über die großen Unterschiede im Land zwischen Arm und Reich. Später machten wir noch Halt bei einer anderen „Insel-Großfamilie“, was uns einen kleinen Einblick in ihr sehr einfaches Leben erlaubte.
Mehr Zeit sollte uns leider in dieser schönen Stadt nicht bleiben, so ging es am nächsten Morgen weiter nach Managua, der Hauptstadt Nicaraguas mit Zwischenhalt in Masaya. Masaya selbst hat nicht viel zu bieten. Wenn man in Dietzenbach im Sommer jedoch gerne mit seinen Mädels auf dem „Masayaplatz“ einen Eisbecher isst, muss man – wenn man schon so nah dran ist – die Gelegenheit nutzen, wenigstens einen Fuß in unsere Partnerstadt zu setzen finde ich. Außerdem kann ich jetzt im Nachhinein sagen, dass Masaya sehr wohl etwas zu bieten hat, nämlich einen wunderschönen Kunsthandwerkmarkt, auf dem wir einige Stunden zubrachten (auf diese Weise muss ich mich doch noch mal bei meinem Freund für meine große „Über-den-Markt-Schlender-Vorliebe“ entschuldigenJ)
Die Hauptstadt Managua war keineswegs attraktiv und dazu hatten wir noch das Pech in einem sehr gefährlichen Viertel gelandet zu sein, da sich hier der Busbahnhof des „Ticabus“ (die in ganz Mittelamerika am weitesten verbreitete internationale Busgesellschaft) befand. So riet uns der Mann, bei dem wir die Nacht bis zur Abfahrt 4h morgens ein kleines Zimmer gebucht hatten, nach Dunkelheit auf keinen Fall mehr in dem Viertel zu Fuß unterwegs zu sein und auch tagsüber nur ganz bestimmte Straßen zu nutzen, das Geld im Schuh zu verstecken und nur einige Cordoba greifbar in der Hosentasche zu haben, falls es zu einem Überfall käme. Bei einer solchen Warnung, hatte man da überhaupt noch Lust das Zimmer zu verlassen? Daniel und ich entschieden uns für ja, da wir nicht wussten was wir sonst mit dem Nachmittag anfangen sollten. Wirklich weit trauten wir uns jedoch nicht und verbrachten deshalb bloß einige Stunden in einem Einkaufszentrum, was 1 zu 1 einer amerikanischen mall ähnelte und uns für 2-3h in eine völlig andere Welt versetzte, weit weg von allen Gefahren. Wir planten jedoch fest, vor Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren.
Der Ticabus brachte uns am folgenden Tag völlig entspannt über die Grenze nach Honduras bis nach Tegucigalpa, der Hauptstadt unseres 3. Reiselandes. Im Gegensatz zu Daniel hatte ich schon vor der Grenzüberschreitung ein etwas mulmiges Gefühl im Margen, da ich sehr wenig über die momentane Situation und die Menschen in Honduras wusste. Ein weiteres Mal bog der Bus in eines der gefährlichsten Viertel der Stadt ab und als wir ausstiegen, wurde dieses ungute Gefühl nur noch verstärkt. Überall sah man Polizisten und Wachleute mit Maschinengewehren bewaffnet herumstehen, die Häuser wirkten sehr verlassen und kaputt und auch das Taxi, in das wir stiegen schien mir nicht sehr geheuer. Ich war froh drei Stunden später in einem nächsten Bus zu sitzen, der uns aus der Hauptstadt raus und weitere acht Stunden gen Norden an die Küste nach La Ceiba brachte. Jetzt mussten wir doch Glück haben und karibische Traumstrände zu Gesicht bekommen, so wie man sie sich vorstellt… Das hofften wir, doch ein weiteres Mal wurden wir enttäuscht. Anstelle von einem Strand der zum Erholen einlud, blickten wir am nächsten Morgen auf einen Strand, von Müll überfüllt und stets den bewaffneten Wachmann im Rücken. Hier wollten wir nicht bleiben!
Ziemlich missmutig verließen wir nach insgesamt bloß 12h La Ceiba diese Stadt schon wieder und nahmen weitere zwei Busse, die uns bis nach Copán, eine Stadt berühmt für seine Maya-Ruinen, brachten. Zu den beiden Busfahrten möchte ich kurz etwas schreiben, da sie unterschiedlicher und charakterisierender für das Land einfach nicht hätten sein können! Der 1. Bus war ein ganz normaler Überlandbus – keine besonders tolle Qualität, dafür billig und praktisch. Was Daniel und mich nach den ca. 5h in diesem Bus aber fast zum Überlaufen brachte, war die (wie wollen wir es nennen..?) „Fresskultur“ der Honduraner. Es war einfach unglaublich, wie viel die Menschen an fettigen Chips, Fastfood und schnell zubereitetem Essen in sich hineinstopften und wie sehr dies schon auf den Alltag Einfluss genommen hatte. So machte der öffentliche Bus nach 3h für 30 Minuten Pause, damit sich alle mit noch mehr Essen eindecken konnten. An jedem 2. Parkplatz hielt der Busfahrer außerdem an, und Verkäufer stiegen ein, die für etwa zwei Stationen den Bus begleiteten, um anschließend mit schon weit leereren Körben ihr Glück im nächsten Bus zu versuchen. Der 2. Bus wiederum stellte zum ersten einen riesigen Unterschied in Sachen Ausstattung und Preis dar. Beim Kauf des Tickets war uns dies noch nicht bewusst, doch jetzt im Nachhinein kann ich gut sagen, dass diese Busfahrt in etwa mit einem 1.-Klasse-Flug in einer Lufthansa-Maschine zu vergleichen ist. Die Sitze waren größer als ich sie mit doppeltem Gewicht je gebraucht hätte, jeder Passagier bekam ein kühles Getränk und einen Snack direkt an den Platz serviert und während der Fahrt gab es einen Busbegleiter, der stets bei Fragen zur Stelle war. Ich fühlte mich ganz ehrlich etwas lächerlich in diesem Bus, jedoch war mir gleichzeitig nichts wichtiger als so schnell wie möglich in Richtung Grenze nach Guatemala zu gelangen. Unser nächstes Ziel Copán lag zwar noch in Honduras, jedoch erbot sich uns direkt ein ganz anderes Bild, als wir hier ausstiegen. Die kleine, mitten in den Bergen liegende Stadt war mir sofort sympathisch und das 1. Mal hatte ich das Gefühl seit wir in Honduras angekommen sind, ganz unbeschwert atmen zu können.
Honduras hat mir wirklich nicht gefallen und ich habe mich sehr unwohl gefühlt in den wenigen Tagen, in denen wir dort waren. Copán zählt deshalb für mich auch nicht mehr zu Honduras, sondern schon zu Guatemala, das nur 8km von dieser Ruinen-Stadt entfernt ist.
Zwei entspannte Tage verbrachten wir in Copán. Den ersten nutzten wir dafür, die Ruinen zu erforschen und ein wenig mehr über die Geschichte der Maya zu erfahren. Für mich waren es die ersten Ruinen, die ich seit meinem Aufenthalt hier in Mexiko sah und ich war beeindruckt von der Bauweise und der Tatsache, dass die Maya vor so vielen tausend Jahren schon so eine Meisterleistung vollbrachten. Am zweiten Tag besuchten wir ein kleines Dorf, in dem vielleicht 20 Familien wohnten und die eine einzige Einnahmequellen hatten, nämlich Puppen die sie per Hand aus gefärbten Maisblättern herstellten. Ich war begeistert von diesem kleinen Dorf und vor allem von den Kindern, die alle um uns herumsprangen als wir ihre kleine „Fabrik“ betraten. Während uns eine Frau demonstrierte, wie sie diese Puppen anfertigte und ich einige Fotos von ihrer Arbeit machte, waren die Kinder so fasziniert von meiner Kamera und wollten jedes Foto gleich drei Mal sehenJ Später sangen die Kinder uns noch ein Lied und Daniel und ich kauften der Frau die Puppe ab, die sie angefertigt hatte als wir da waren. Wirklich etwas anzufangen wussten wir zwar nicht mit ihr, aber immerhin konnten wir so ein klein wenig dieses Dorf unterstützen.
Am gleichen Tag machten wir uns noch auf in Richtung Grenze und kamen in unserem 4. Reiseland – Guatemala – an. Vor knapp zwei Wochen war ich hier wegen meines Fluges schon mal gewesen, jedoch ca. 200km weiter südwestlich in Antigua. Nichtsdestotrotz war ich mir sicher, dass es mir auch hier im östlichen Teil sehr gut gefallen wird.
Für den heutigen Tag war unser Ziel lediglich Rio Dulce, von dort aus wollten wir am nächsten Tag mit dem Boot nach Livingston weiterfahren. Livingston ist das einzige Städtchen in Guatemala, in dem immer noch der Hauptteil der Bevölkerung den „garifunas“ angehört. Die garifunas sind ein Volk, das sich nur an der Karibikküste niedergelassen hat (vor allem in den Teilen Honduras) und ihre ganz eigene Sprache, Kultur, Musik und Lebensweise – den Jamaikanern sehr ähnlich – hat. So war vor allem ich gespannt auf unsere Zeit dort. Silvester wollten wir ebenfalls in dieser Stadt, die nur über Wasser zu erreichen ist, verbringen. Auf der Schiffsfahrt dorthin merkte ich einmal wieder, wie klein die Welt doch ist… So stiegen zwei sehr gute Freunde und Mitfreiwillige meines Projektes zu uns ins Boot, da sie ebenfalls geplant haben über Neujahr Livingston zu erkunden. So durften wir anstatt zwei Mal gleich sechs Mal (warum 6? Hihi, das ist eine schöne Aufgabe für alle, die die Mathematik und die Stochastik so lieben wie ichJ) anstoßen, als die Uhr am 31. Januar 12 Mal schlug. Ansonsten habe ich diese Silvester-Nacht allerdings in nicht so schöner Erinnerung. Jeder der mich kennt weiß, dass ich ohnehin etwas ängstlich bin vor den ganzen Geschossen und in Livingston war es tatsächlich so, dass ganze Böllerketten (und das waren keine kleinen Ketten – sie hatten mehr die Größe von Feuerwehrschläuchen!) angezündet wurden und dann ca. 3 Minuten am Stück krachten. Eine ganze Weile nachher zog noch der Rauch durch die Straßen.
Wenn auch diese Nacht nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach, war der nächste Tag sehr schön und gab mir einen guten Eindruck über das Leben der garifuna. Sie sind ein sehr fröhliches Volk, bei dem Gesang und Rhythmus eine große Rolle spielt. Zufällig lief ich an einer Art Umzug vorbei und sah einige verkleidete Gestalten, die sich geschickt auf verschiedene Trommelrhythmen bewegten. Im Hintergrund begleiteten drei ältere Frauen die Trommelklänge in einer Art Gospelchor. Was mir neben diesen positiven Eindrücken allerdings auch auffiel ist, dass die Einwohner Livingstons sehr schnell böse werden können, wenn man ihnen nicht gibt, was sie wollen. Wenn das Trinkgeld beispielsweise bei einer Musikeinlage nicht hoch genug ausfiel oder wenn man ihnen kein Marihuana (das es dort wie Sand am Meer gibt) abkaufen wollte, reagierten sie häufig sehr pampig und die anfängliche Freundlichkeit war wie weggeblasen. Diese Tatsache rief in mir doch teilweise ein großes Unwohlsein hervor. So verabschiedete ich mich von dieser Stadt mit einem lachenden und einem weinenden Auge und wir vier zogen weiter nach Antigua. Hey, hier war ich doch schon mal vor knapp 2 WochenJ
Wir bezogen ein richtig schönes Hostel, liefen über den Kunsthandwerkmarkt der Stadt und gingen lecker Essen. Daniel und ich brachen schon am nächsten Morgen auf, während die anderen beiden noch einen Tag länger blieben, um einen Vulkan in der Nähe zu besteigen.
Von Antigua aus nahmen wir einen chicken-bus nach Chichikastenango, einem noch sehr seiner Kultur treu gebliebenem und typischem guatemaltekischen Bergdorf. Mir persönlich gefiel es sehr dort und eine ganze Stunde verbrachten wir lediglich damit, uns auf die Treppe einer Kirche zu setzen und dem bunten Markttreiben mit unseren Blicken zu folgen. Ab und zu kam ein kleines Kind vorbei, welches uns nach 1 Quetzal fragte, andere wollten unsere Schuhe putzen, wieder andere Süßigkeiten verkaufen. Gekauft haben wir zwar nichts, im Gegenzug dazu gaben wir aber jedem Kind das uns ansprach ein kleines Gummibärchen oder ein Brausebonbon und ließen sie sich zu uns setzen.
Von Chichikastenango aus nahmen wir abermals einen chicken-bus, der uns bis nach Panajachel brachte. Dies war unser letztes Reiseziel und die letzten beiden Tage am wunderschönen „Atitlan-See“ dienten unserer puren Entspannung und (zumindest für mich) zum Krafttanken für die Arbeit, die nun wieder anfing.
Am 5. Januar nahmen wir von Panajachel aus einen Shuttle, der uns nach 11 Stunden in San Cristóbal, unserem Ziel, absetzte.
Hier soll mein Bericht enden, da zumindest für mich San Cristóbal keine „Reise“, sondern mittlerweile wirklich zuhause für mich ist. Ich führte Daniel ein wenig herum, zeigte ihm meine Lieblingsplätze in der Stadt und wir beiden verbrachten hier noch wunderschöne zwei Wochen gemeinsam, bis er sich wieder zurück auf den Heimweg machen musste. Der Abschied fiel uns sehr schwer und heute – drei Wochen später – denke ich an manchen Tagen noch immer, dass er vielleicht doch in unserer gemütlichen Wohnung sitzt und nach der Arbeit auf mich wartet. Das ist natürlich nicht der Fall und für mich ist wieder der volle Alltag eingekehrt. Die Arbeit nimmt einen riesigen Teil ein, da der 5. Geburtstag von Sueniños ganz kurz bevor steht und sehr viel vorbereitet werden muss. Doch ich genieße die viele Zeit mit den Kindern, auch wenn sie oft viel Kraft und Anstrengung kostet. Ansonsten gehe ich wieder zu meinem Tanzen, wir treffen uns zwei Mal die Woche mit Freunden zum Volleyball spielen, wir gehen öfters einen Kaffee oder am Abend einen Wein trinken und wenn bei der vielen Beschäftigung doch noch etwas Zeit bleibt, setzte ich mich mit einem guten Buch in den Garten und freue mich daran, dass ich hier bin!
Ich danke euch allen, die mich weiterhin nicht vergessen haben, mir aus Deutschland schreiben, mich mit Neuigkeiten versorgen und mich hier im fernen Mexiko seelisch (und einige ja auch bald körperlich – Michi, Esther, Sophie ich freue mich riesig auf euchJ) unterstützen.
Fühlt euch gedrückt, eure Tine
Mittwoch, 10. Februar 2010
Montag, 30. November 2009
Sonntag, 29. November 2009
2. Monatsbericht
Jeder Schritt ins Unbekannte oeffnet gleichzeitig neue Fenster das zu entdecken, was vorher verschlossen und nur fuer Wenige sichtbar war ...
2. ERFAHRUNGSBERICHT
2. ERFAHRUNGSBERICHT
- Oktober/ November 2009 -
Nun ist schon wieder so viel Zeit vergangen und es faellt mir schwer, alledem was ich erlebt habe, allen Menschen die ich getroffen habe und allen Eindruecken die ich hinzugewonnen habe, gerecht zu werden. Dennoch versuche ich in diesem 2. Bericht so genau wie moeglich meine Gedanken und Erlebnisse wiederzugeben, damit ihr ein Stueck weit besser an meinem wunderbaren Leben in Mexiko teilhaben koennt.
In diesem Bericht moechte ich ueber 4 Punkte ausfuehrlicher berichten:
1) „Dia de los Muertos“
2) „Mi vida“
3) „Caza del tesoro“
4) „Campamento de Refugiados“
Wenn man an Mexiko denkt und ein Ereignis nennen soll, was fuer dieses Land bekannt ist, so wird man nicht selten „Dia de los Muertos“ als Antwort bekommen. Uebersetzt kann man vom „Tag der Toten“ sprechen, bei uns Allerheiligen.
Auch ich kam in Deutschland schon ganz vorsichtig mit allen moeglichen Braeuchen und Traditionen dieses Tages in Beruehrung, als meine Spanischlehrerin - selbst Mexikanerin - uns Anfang November verschiedene Plakate, Pueppchen und anderen Krimskram mitbrachte. Auf allem waren Skelette in bunten Trachten und breit grinsenden Gesichtern dargstellt. Meiner Meinung nach sehr kitschig und zu diesem Zeitpunkt wollte ich auch noch nicht urteilen, was ich davon hielte, dass hier in Mexiko der Tod nichts Trauriges, sondern mehr eine fiesta ist.
Ich bin fuer diese besondere Feierleichkeit mit Carlos, einem guten Freund, in ein nahe gelegenes Dorf gefahren. Normalerweise ist es naemlich so, dass in den kleineren Doerfern alte Braeuche meist noch staerker ausgefuehrt werden und Tenechapa ist sehr traditionell. Schon die Hinfahrt auf der Ladeflaeche eines Pick Ups habe ich sehr genossen J
Jetzt wo ich den Tag auch mal live miterlebt habe, kann ich schon besser einschaetzen, was hinter der besagten Tradition steht. Dennoch moechte ich weiterhin kein Urteil ueber gut/ schlecht, richtig/ falsch abgeben.
Der eigentliche Feiertag ist der 2. November, doch mittlerweile hat es sich so eingependelt, dass am 1. November die grosse Feier ist und die Mexikaner den 2. November nutzen, um sich wieder zu erholen. Leider ist naemlich viel viel Alkohol – genauer gesagt Pox (ein starker Schnaps, den man aus Zuckerrohr gewinnt) - und Refresco (es gibt glaube ich kein deutsches Wort hierfuer. Hierunter fallen alle Getraenke, die suess und pappig sind - wie Cola, Fanta, Sprite etc.) ein mittlerweile nicht mehr wegzudenkender Bestandteil dieser Feierlichkeiten. Am 1. November zieht es also den Grossteil der Mexikaner (meist in riesigen Familienverbaenden) auf den Friedhof, um ihren verstorbenen Angehoerigen voll und ganz diesen Tag zu widmen. Es werden Unmengen an Blumen aufgestellt, Kerzen angezuendet, Weihrauch verstreut und oftmals bekommt der Verstorbene nochmal das auf sein Grab gelegt, was er zu Lebzeiten gerne mochte – mag es eine Orange, Brot, Schnaps oder Suessigkeiten sein. Die Stimmung ist ausgelassen, der Tote wird regelrecht gefeiert. So kann man am 1. November noch bis spaet abends die laute Musik hoeren, aber leider auch die betrunkenen Maenner an vielen Strassenecken liegen sehen.
Wie bei vielen Dingen, wird auch dieses Ereignis kommerziell sehr ausgenutzt. Viele Laeden haengen voll mit alle moeglichem Kitsch, den man fuer das Fest kaufen kann. Es wird sich verkleidet und gerade hier in San Cristobal haben viele Bars und Diskotheken mit besonderen Partys an diesem Wochenende geworben. Da ich ueberhaupt kein Fan von dieser Verkleiderei bin, bin ich diesen „neuen“ Braeuchen gut aus dem Weg gegangen. Lediglich verschiedene Gruppen von verkleideten Kindern, die in Geschaeften und Haeusern nach Suessigkeiten fragen, sind mir ueber den Weg gelaufen. Doch das fand ich ganz schoen, da es mich wieder an meine Zeit in den USA erinnerte.
Mittlerweile lebe ich nun schon 3 Monate in meiner neuen Heimat und mag es deshalb schon wagen von „mi vida“ , also von meinem Leben, zu sprechen.
Nach wie vor geht es mir sehr gut hier. In der WG mit meinen Mitbewohnerinnen Judith und Jeannette fuehle ich mich sehr wohl. Wir fuehren ein sehr ruhiges und entspanntes Leben in unserem Haus, kochen immer mal ab und zu zusammen, sitzen abends oft gemeinsam in der Kueche und plaudern ein wenig. Die Wochenenden und Vormittage nutze ich viel die tagsueber noch starke Sonne aus, waehrend ich es mir im Garten oder im Innenhof gemuetlich mache. Ich nehme mir hier viel Zeit fuer mich, lese ein Buch oder reflektiere was ich bisher schon alles erleben und lernen durfte. Dies ist auch notwendig, denn wer mich etwas besser kennt weiss, wie sonst ein typischer Tag in meinem Leben aussieht. Und daran hat sich auch hier nicht viel geaendert, ich bin immer noch sehr viel unterwegs und nutze jeden Tag bis zur letzten Minute aus. Mein Kalender, der an manchen Tagen kaum noch weisses Papier durchscheinen laesst und mein vieles Freizeitprogramm machen mich jedoch sehr gluecklich. Drei Mal die Woche gehe ich zum Zumba, das ist eine Art Tanzworkout – lustiges Rumgehopse, verbunden mit Salsa oder Merengue-Schritten J Hier habe ich richtig Spass und seit einiger Zeit gehe ich zusaetzlich mit dem „Trainer“ einige Male die Woche noch joggen oder schwimmen. Cesar ist Triathlet und auch ich werde am 5. Dezember an einem kleinen Triathlon teilnehmen – also alle ganz fest Daumen druecken J Mit Basketball habe ich aufgehoert, da mich der Sport nicht so erfuellt hat, auch wenn das Team und der Trainer total nett und hilfsbereit waren.
Ansonsten habe ich einmal die Woche Gitarrenstunde und habe mich auch schon um einen Trommelkurs gekuemmert. Nach den Weihnachtsferien werde ich wahrscheinlich noch bei einem Baeckerei-Workshop mitmachen, damit ich euch danach alle mit leckeren mexikanischen Gebaecken verwoehnen kann J
Bin ich also nicht gerade mit einem dieser Dinge beschaeftigt, verbringe ich gerne Zeit im Stadtzentrum von San Cristobal, treffe mich mit Freunden und an den Wochenenden plane ich ab und zu kleine Ausfluege, um Mexiko auch ausserhalb San Cristobals besser kennenzulernen. Einmal hat mich ein Freund mit zu einer Hochzeit genommen – ebenfalls ein tolles Erlebnis und interessant wie anders doch alles war!
Mit meinem Spanisch habe ich mittlerweile auch kaum noch Probleme. Bei normalen Alltagsgespraechen muss ich eigentlich kaum noch ueberlegen, da sprudeln die Worte von alleine heraus. Viel erschreckender ist, dass ich kaum noch Englisch kann. Als mich vor kurzem ein Tourist auf Englisch nach dem Weg fragte, antwortete ich prompt in Spanisch und die leichtesten Worte wollten mir nicht einfallen! Das nehme ich aber erstmal gelassen so hin J
Ein Ereignis moechte ich in diesem Bericht auch noch bezueglich der Arbeit erwaehnen, wobei ich in den folgenden Erfahrungsberichten noch mehr auf die Arbeit in den colonias eingehen moechte.
Seit einer Woche hat meine Arbeit in „Suenicos“ begonnen, die zwei Monate vorher hatten hauptsaechlich mit Planung und Vorbereitung zu tun. Ausserdem musste „Suenicos“ als Programm bekannt gemacht werden. Die Monate Oktober und November dienten also auch dem Zweck der Werbung. Ein Teil dieser Werbung war die „Caza del tesoro“ von der ich hier kurz berichten moechte. Uebersetzt heisst das Ereignis Schatzsuche und unter diesem Motto versammelte sich das komplette Team des Sueniños am 17. Oktober schon frueh morgens in der colonia „5º de marzo“. Alles war bis ins kleinste Detail geplant, wenn nun auch genuegend Kinder kommen wuerden, konnte dieser Samstag zu einem vollem Erfolg werden... Und sie kamen und sie kamen, am Ende hatten sich ueber 100 Kinder auf dem Platz eingefunden, die alle voller Vorfreude an der Schatzsuche teilnehmen wollten.
Insgesamt gab es 8 Stationen, die die Kinder in Gruppen ablaufen mussten. Eine Station war beispielsweise Dosenwerfen, eine andere Luftballontanz, des Weiteren mussten die Kinder in einer Station Unterschiede in zwei gleich zu scheinenden Bildern finden. Meine Station hiess „tela de araña“, also Spinnennetz. Zwischen 2 Baeumen habe ich ein Seil gespannt, dass sich mehrmals kreuzte und die Kinder mussten mit so wenigen Beruehrungen wie moeglich das „Spinnennetz“ durchqueren. Aufgebaut haben wir unsere Stationen in den Innenhoefen von 8 unserer Projektkinder vom Sueniños. Ich arbeitete im Innenhof von Dianas Familie. Diana ist 11, manchmal etwas schuechtern und ruhig, aber heute ging sie total auf, als sie mir bei meiner Station in ihrem Innenhof helfen konnte. Gemeinsam entschieden wir stets wieviele Punkte auf einer Skala von 1-3 die Gruppe erhalten sollte und schickten die Gruppe anschliessend weiter zur naechsten Station. Um den Weg bzw. die Adresse des naechsten Hauses zu erfahren, mussten die Kinder in Teamarbeit die Adresse, die wir ihnen in Geheimschrift vorlegten, in normale Sprache uebersetzen.
Es war toll anzusehen, wieviel Spass die Kinder hatten und mit wieviel Geschick einige meine Station durchliefen. Nach 2 Stunden versammelten wir uns wieder alle, die Siegergruppe mit den meisten Punkten wurde gekroent und die letzte (und fuer die Kinder wohl wichtigste) Aufgabe stand an. Noch einmal musste die Geheimschrift im Team geloest werden, diesmal wies die Uebersetzung darauf hin, wo sich der Schatz befindet. Die Kinder liefen alle wie wild durcheinander und suchten unter jedem Grashalm, unter jedem Stein, hinter jeder Blume nach paletas, also Lutschern. Auch wenn mir diese Belohnung nicht so ganz passte, da die Kinder meiner Meinung nach von dem wenigen Geld, das sie haben, sowieso schon zu viel dulce (Suessigkeiten) kaufen, war es toll mit anzusehen, wie 100 Kinder breit grinsend wie kleine Ameisen ueber die Wiese flitzten. Hatten sie dann einen Lutscher gefunden, wurden die Augen gaaanz gross J
Ausserdem hatten wir genau das erreicht, was wir wollten. Wir haben die Kinder auf uns aufmerksam gemacht und nicht wenige kamen danach zu uns und fragten, wann wir denn wiederkaemen und wieder mit ihnen spielen wuerden.
Dieser 4. und letzte Punkt, ueber den ich in meinem 2. Bericht schreiben moechte, ist mir sehr wichtig. Ich finde solche Ereignisse sollten nicht verschwiegen werden und so sollt auch ihr ueber eine momentane Situation in San Cristobal lesen koennen... Meine Beobachtungen hierzu habe ich schon vor einem knappen Monat aufgeschrieben, seitdem hat sich aber nicht viel geaendert...
Campamento de Refugiados desplazados por el Ejercito de 28 de Junio en Carranza
Dieser Schriftzug steht auf einer der 3 Informationstafeln, die vor dem Fluechtlingslager aufgebaut sind. Heute ist Freitag, der 30. Oktober. Seit knapp einer Woche zeichnet sich das Stadtbild San Cristóbals etwas anders ab als man es vorher gewöhnt war. Am Hauptplatz vor der Kirche ist ein kleiner Bereich abgesperrt, dahinter befinden sich hauptsächlich Männer, auch einige Frauen, im Alter von 16-55 Jahren. Warum das Ganze?
Es ist ein typisches Problem, das hier in Chiapas schon lange Zeit herrscht und vor allem durch den Zapatistenaufstand 1994 sehr bekannt wurde.
Die Lage der Bauern hier ist sehr schlecht, sie werden ausgebeutet und müssen mit einem Minimum an Essen und Behausung leben. Warum – die Regierung gibt zwar vor, den ländlichen communidades in den umliegenden Bergregionen zu helfen, doch unter der Hand herrscht viel Korruption und Ungerechtigkeit.
Ich habe einen Freund, der früher bei Centro de los Derechos de las Fray Bartolome arbeitete, und so habe ich einen (ersten kleinen) Eindruck durch ihn vermittelt bekommen können was wirklich passiert. Was wirklich passiert und was die Regierung gerne verschweigt.
Jeder Bauer kann 4 Hektar von einem Großpächter bekommen, bezahlen muss er dabei 2 Hektar. Der Preis liegt bei ca. 1800 Pesos (ca. 90 €) für ein halbes Jahr. Er muss alle 4 Hektar bewirtschaften, die Ernte von 2 Hektar muss er jedoch direkt an den Großpächter weitergeben, von der Ernte des 3. Hektar muss er Ausgaben (wie z.B. die 1800 Pesos Kosten für Grund) begleichen und lediglich der 4. Hektar bleibt ihm zum eigenen Nutzen. Insgesamt heißt das, dass der Bauer viel Arbeit und Ausgaben hat, um schließlich einen einzigen Hektar effektiv nutzen zu können. Trotzdem ist er auf diesen ungleichmäßigen Deal angewiesen, um seine Familie versorgen zu können.
Der Großpächter, der von der Regierung kommt, geht natürlich als Sieger hervor. Doch dies soll nicht genug sein, von Zeit zu Zeit marschiert dazu noch das Militär in die Bergdörfer ein und verlangt mehr Abgaben, die ihnen eigentlich gar nicht zustehen. Diese Einmaersche sind haeufig gewaltsam und die Indigenen werden zu Dingen gezwungen, gegen die sie sich nicht waehren koennen.
Roselio de la Cruz Gonzalez schreibt in einer Art Tagebucheintrag, den ich auf der vom Fluechtlingslager selbst errichteten Informationstafel gelesen habe, folgendes:
„Ich kenne das Dorf und ich kenne die brutale Herangehensweise, mit der die Polizei in Carranza Chis vorgeht. Sie zwingen uns Dokumente zu unterschreiben, ohne dass wir wissen, worum es sich handelt. Wir koennen zwar nicht lesen, aber wir koennen denken und sehen das Schlechte, was die Regierung uns antut. Darum bitte wir alle Organisationen der Welt unserer „Familie“ zu helfen und eine Stuetze zu sein.“
Gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen die Bauern schon lange, doch nur wenige trauen sich offen gegen die Regierung vorzugehen, was jedoch wichtig ist, um auch der restlichen Bevölkerung die Augen zu öffnen. Zwei bekannte Namen in Punto Widerstand sind Samuel Ruiz und Arismendi, der Ruiz nach ca. 40 Jahren aktiver Unterstützung der einfachen Bergbevoelkerung ablöste. Beide sind Bischöfe, die durch die communidades reisen und Mut und Unterstützung zusprechen. Die Regierung sieht dies natürlich nicht gerne, vor ca. 3 Wochen erhielt Arismendi anonymerweise schon eine Morddrohung.
Auch die Widerstandskämpfer aus den Reihen der Bauern werden versucht so weit es geht von der Regierung zum Schweigen gebracht zu werden.
Genau hier bin ich wieder beim Anfang meiner Beschreibung des jetzigen Zustands angekommen - nämlich beim Hintergrund, warum in San Cristóbal gerade das Flüchtlingslager“Campamento de Refugiados“ vor der Kathedrale aufgebaut ist.
Jose M. Hernandez, Roselio de la Cruz Gonzales und Jose Manuel de la Torre waren drei Männer, die Widerstand leisteten und sich für eine gerechtere Verteilung einsetzten. Vor ca. 1 Monat wurden diese vor den Augen vieler Dorfbewohner umgebracht. Drei weitere wurden gefangen genommen und zwei wurden verwundet. Wer genau für die Morde verantwortlich ist weiß keiner, doch es ist klar, dass die Regierung dahinter steckt, die die Dörfer zum Schweigen bringen will, da sie jede Form des Aufstands fuerchten muss.
Die Flüchtlinge, die ihr Lager hier aufgebaut haben, bitten um Essen, Kleidung, Decken, Feuerholz und Unterstützung der Bevölkerung. Auf der Informationstafel klebt ein selbst geschriebener Zettel, auf dem genau dies zu lesen ist:
Al pueblo:
Les solicitamos su solidaridad para apoyar nuestra justa lucha con alimentos, cobijas, medicamentos, ropa para frio, pan, café, agua.
Gracias por su apoyo.
Organización Campesina Emiliano Zapata (OCEZ )
Auch ich habe die Fluechtlinge mit einer kleinen Spende unterstuetzt. Ich kann und will mir nur schwer vorstellen, wie sie die Naechte auf dem kalten und harten Steinboden verbringen, waehrend ich teilweise schon im Haus mit Pulli und nichtsdestrotrotz frierend einschlafe. Die Naechte sind hier mittlerweile schon sehr sehr kalt.
Neben Spenden ist es aber auch sehr wichtig, dass die Bevoelkerung ihren Teil leistet, indem sie einfach beobachtet. Es ist wichtig, dass immer wieder Menschen beim Lager vorbeischauen und aufmerksam sind. Aus Gründen der Hilfeleistung, aber noch wichtiger aus dem Hintergrund heraus, dass die Flüchtlinge im Prinzip illegal auf dem Hauptplatz sind. Sie haben ihr Lager einfach aufgebaut und müssen jeder Zeit fürchten, dass das Militaer sie (gewaltsam) wieder verscheucht.
Schriftzuege wie der, auf dem in roten und schwarzen Buchstaben steht
Alto al hostigamiento y persecución de nuestros compañeros de OCEZ
sollen die Aufmerksamkeit hochhalten und vielleicht helfen sie ja doch, dass die Bewohner der Bergdörfer irgendwann - vielleicht nicht in völliger Gerechtigkeit leben – aber einen Fortschritt verzeichnen können.
Heute ist Dienstag, der 24. November. Die Fluechtlinge sind noch immer da...
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Wenn man an Mexiko denkt und ein Ereignis nennen soll, was fuer dieses Land bekannt ist, so wird man nicht selten „Dia de los Muertos“ als Antwort bekommen. Uebersetzt kann man vom „Tag der Toten“ sprechen, bei uns Allerheiligen.
Auch ich kam in Deutschland schon ganz vorsichtig mit allen moeglichen Braeuchen und Traditionen dieses Tages in Beruehrung, als meine Spanischlehrerin - selbst Mexikanerin - uns Anfang November verschiedene Plakate, Pueppchen und anderen Krimskram mitbrachte. Auf allem waren Skelette in bunten Trachten und breit grinsenden Gesichtern dargstellt. Meiner Meinung nach sehr kitschig und zu diesem Zeitpunkt wollte ich auch noch nicht urteilen, was ich davon hielte, dass hier in Mexiko der Tod nichts Trauriges, sondern mehr eine fiesta ist.
Ich bin fuer diese besondere Feierleichkeit mit Carlos, einem guten Freund, in ein nahe gelegenes Dorf gefahren. Normalerweise ist es naemlich so, dass in den kleineren Doerfern alte Braeuche meist noch staerker ausgefuehrt werden und Tenechapa ist sehr traditionell. Schon die Hinfahrt auf der Ladeflaeche eines Pick Ups habe ich sehr genossen J
Jetzt wo ich den Tag auch mal live miterlebt habe, kann ich schon besser einschaetzen, was hinter der besagten Tradition steht. Dennoch moechte ich weiterhin kein Urteil ueber gut/ schlecht, richtig/ falsch abgeben.
Der eigentliche Feiertag ist der 2. November, doch mittlerweile hat es sich so eingependelt, dass am 1. November die grosse Feier ist und die Mexikaner den 2. November nutzen, um sich wieder zu erholen. Leider ist naemlich viel viel Alkohol – genauer gesagt Pox (ein starker Schnaps, den man aus Zuckerrohr gewinnt) - und Refresco (es gibt glaube ich kein deutsches Wort hierfuer. Hierunter fallen alle Getraenke, die suess und pappig sind - wie Cola, Fanta, Sprite etc.) ein mittlerweile nicht mehr wegzudenkender Bestandteil dieser Feierlichkeiten. Am 1. November zieht es also den Grossteil der Mexikaner (meist in riesigen Familienverbaenden) auf den Friedhof, um ihren verstorbenen Angehoerigen voll und ganz diesen Tag zu widmen. Es werden Unmengen an Blumen aufgestellt, Kerzen angezuendet, Weihrauch verstreut und oftmals bekommt der Verstorbene nochmal das auf sein Grab gelegt, was er zu Lebzeiten gerne mochte – mag es eine Orange, Brot, Schnaps oder Suessigkeiten sein. Die Stimmung ist ausgelassen, der Tote wird regelrecht gefeiert. So kann man am 1. November noch bis spaet abends die laute Musik hoeren, aber leider auch die betrunkenen Maenner an vielen Strassenecken liegen sehen.
Wie bei vielen Dingen, wird auch dieses Ereignis kommerziell sehr ausgenutzt. Viele Laeden haengen voll mit alle moeglichem Kitsch, den man fuer das Fest kaufen kann. Es wird sich verkleidet und gerade hier in San Cristobal haben viele Bars und Diskotheken mit besonderen Partys an diesem Wochenende geworben. Da ich ueberhaupt kein Fan von dieser Verkleiderei bin, bin ich diesen „neuen“ Braeuchen gut aus dem Weg gegangen. Lediglich verschiedene Gruppen von verkleideten Kindern, die in Geschaeften und Haeusern nach Suessigkeiten fragen, sind mir ueber den Weg gelaufen. Doch das fand ich ganz schoen, da es mich wieder an meine Zeit in den USA erinnerte.
Mittlerweile lebe ich nun schon 3 Monate in meiner neuen Heimat und mag es deshalb schon wagen von „mi vida“ , also von meinem Leben, zu sprechen.
Nach wie vor geht es mir sehr gut hier. In der WG mit meinen Mitbewohnerinnen Judith und Jeannette fuehle ich mich sehr wohl. Wir fuehren ein sehr ruhiges und entspanntes Leben in unserem Haus, kochen immer mal ab und zu zusammen, sitzen abends oft gemeinsam in der Kueche und plaudern ein wenig. Die Wochenenden und Vormittage nutze ich viel die tagsueber noch starke Sonne aus, waehrend ich es mir im Garten oder im Innenhof gemuetlich mache. Ich nehme mir hier viel Zeit fuer mich, lese ein Buch oder reflektiere was ich bisher schon alles erleben und lernen durfte. Dies ist auch notwendig, denn wer mich etwas besser kennt weiss, wie sonst ein typischer Tag in meinem Leben aussieht. Und daran hat sich auch hier nicht viel geaendert, ich bin immer noch sehr viel unterwegs und nutze jeden Tag bis zur letzten Minute aus. Mein Kalender, der an manchen Tagen kaum noch weisses Papier durchscheinen laesst und mein vieles Freizeitprogramm machen mich jedoch sehr gluecklich. Drei Mal die Woche gehe ich zum Zumba, das ist eine Art Tanzworkout – lustiges Rumgehopse, verbunden mit Salsa oder Merengue-Schritten J Hier habe ich richtig Spass und seit einiger Zeit gehe ich zusaetzlich mit dem „Trainer“ einige Male die Woche noch joggen oder schwimmen. Cesar ist Triathlet und auch ich werde am 5. Dezember an einem kleinen Triathlon teilnehmen – also alle ganz fest Daumen druecken J Mit Basketball habe ich aufgehoert, da mich der Sport nicht so erfuellt hat, auch wenn das Team und der Trainer total nett und hilfsbereit waren.
Ansonsten habe ich einmal die Woche Gitarrenstunde und habe mich auch schon um einen Trommelkurs gekuemmert. Nach den Weihnachtsferien werde ich wahrscheinlich noch bei einem Baeckerei-Workshop mitmachen, damit ich euch danach alle mit leckeren mexikanischen Gebaecken verwoehnen kann J
Bin ich also nicht gerade mit einem dieser Dinge beschaeftigt, verbringe ich gerne Zeit im Stadtzentrum von San Cristobal, treffe mich mit Freunden und an den Wochenenden plane ich ab und zu kleine Ausfluege, um Mexiko auch ausserhalb San Cristobals besser kennenzulernen. Einmal hat mich ein Freund mit zu einer Hochzeit genommen – ebenfalls ein tolles Erlebnis und interessant wie anders doch alles war!
Mit meinem Spanisch habe ich mittlerweile auch kaum noch Probleme. Bei normalen Alltagsgespraechen muss ich eigentlich kaum noch ueberlegen, da sprudeln die Worte von alleine heraus. Viel erschreckender ist, dass ich kaum noch Englisch kann. Als mich vor kurzem ein Tourist auf Englisch nach dem Weg fragte, antwortete ich prompt in Spanisch und die leichtesten Worte wollten mir nicht einfallen! Das nehme ich aber erstmal gelassen so hin J
Ein Ereignis moechte ich in diesem Bericht auch noch bezueglich der Arbeit erwaehnen, wobei ich in den folgenden Erfahrungsberichten noch mehr auf die Arbeit in den colonias eingehen moechte.
Seit einer Woche hat meine Arbeit in „Suenicos“ begonnen, die zwei Monate vorher hatten hauptsaechlich mit Planung und Vorbereitung zu tun. Ausserdem musste „Suenicos“ als Programm bekannt gemacht werden. Die Monate Oktober und November dienten also auch dem Zweck der Werbung. Ein Teil dieser Werbung war die „Caza del tesoro“ von der ich hier kurz berichten moechte. Uebersetzt heisst das Ereignis Schatzsuche und unter diesem Motto versammelte sich das komplette Team des Sueniños am 17. Oktober schon frueh morgens in der colonia „5º de marzo“. Alles war bis ins kleinste Detail geplant, wenn nun auch genuegend Kinder kommen wuerden, konnte dieser Samstag zu einem vollem Erfolg werden... Und sie kamen und sie kamen, am Ende hatten sich ueber 100 Kinder auf dem Platz eingefunden, die alle voller Vorfreude an der Schatzsuche teilnehmen wollten.
Insgesamt gab es 8 Stationen, die die Kinder in Gruppen ablaufen mussten. Eine Station war beispielsweise Dosenwerfen, eine andere Luftballontanz, des Weiteren mussten die Kinder in einer Station Unterschiede in zwei gleich zu scheinenden Bildern finden. Meine Station hiess „tela de araña“, also Spinnennetz. Zwischen 2 Baeumen habe ich ein Seil gespannt, dass sich mehrmals kreuzte und die Kinder mussten mit so wenigen Beruehrungen wie moeglich das „Spinnennetz“ durchqueren. Aufgebaut haben wir unsere Stationen in den Innenhoefen von 8 unserer Projektkinder vom Sueniños. Ich arbeitete im Innenhof von Dianas Familie. Diana ist 11, manchmal etwas schuechtern und ruhig, aber heute ging sie total auf, als sie mir bei meiner Station in ihrem Innenhof helfen konnte. Gemeinsam entschieden wir stets wieviele Punkte auf einer Skala von 1-3 die Gruppe erhalten sollte und schickten die Gruppe anschliessend weiter zur naechsten Station. Um den Weg bzw. die Adresse des naechsten Hauses zu erfahren, mussten die Kinder in Teamarbeit die Adresse, die wir ihnen in Geheimschrift vorlegten, in normale Sprache uebersetzen.
Es war toll anzusehen, wieviel Spass die Kinder hatten und mit wieviel Geschick einige meine Station durchliefen. Nach 2 Stunden versammelten wir uns wieder alle, die Siegergruppe mit den meisten Punkten wurde gekroent und die letzte (und fuer die Kinder wohl wichtigste) Aufgabe stand an. Noch einmal musste die Geheimschrift im Team geloest werden, diesmal wies die Uebersetzung darauf hin, wo sich der Schatz befindet. Die Kinder liefen alle wie wild durcheinander und suchten unter jedem Grashalm, unter jedem Stein, hinter jeder Blume nach paletas, also Lutschern. Auch wenn mir diese Belohnung nicht so ganz passte, da die Kinder meiner Meinung nach von dem wenigen Geld, das sie haben, sowieso schon zu viel dulce (Suessigkeiten) kaufen, war es toll mit anzusehen, wie 100 Kinder breit grinsend wie kleine Ameisen ueber die Wiese flitzten. Hatten sie dann einen Lutscher gefunden, wurden die Augen gaaanz gross J
Ausserdem hatten wir genau das erreicht, was wir wollten. Wir haben die Kinder auf uns aufmerksam gemacht und nicht wenige kamen danach zu uns und fragten, wann wir denn wiederkaemen und wieder mit ihnen spielen wuerden.
Dieser 4. und letzte Punkt, ueber den ich in meinem 2. Bericht schreiben moechte, ist mir sehr wichtig. Ich finde solche Ereignisse sollten nicht verschwiegen werden und so sollt auch ihr ueber eine momentane Situation in San Cristobal lesen koennen... Meine Beobachtungen hierzu habe ich schon vor einem knappen Monat aufgeschrieben, seitdem hat sich aber nicht viel geaendert...
Campamento de Refugiados desplazados por el Ejercito de 28 de Junio en Carranza
Dieser Schriftzug steht auf einer der 3 Informationstafeln, die vor dem Fluechtlingslager aufgebaut sind. Heute ist Freitag, der 30. Oktober. Seit knapp einer Woche zeichnet sich das Stadtbild San Cristóbals etwas anders ab als man es vorher gewöhnt war. Am Hauptplatz vor der Kirche ist ein kleiner Bereich abgesperrt, dahinter befinden sich hauptsächlich Männer, auch einige Frauen, im Alter von 16-55 Jahren. Warum das Ganze?
Es ist ein typisches Problem, das hier in Chiapas schon lange Zeit herrscht und vor allem durch den Zapatistenaufstand 1994 sehr bekannt wurde.
Die Lage der Bauern hier ist sehr schlecht, sie werden ausgebeutet und müssen mit einem Minimum an Essen und Behausung leben. Warum – die Regierung gibt zwar vor, den ländlichen communidades in den umliegenden Bergregionen zu helfen, doch unter der Hand herrscht viel Korruption und Ungerechtigkeit.
Ich habe einen Freund, der früher bei Centro de los Derechos de las Fray Bartolome arbeitete, und so habe ich einen (ersten kleinen) Eindruck durch ihn vermittelt bekommen können was wirklich passiert. Was wirklich passiert und was die Regierung gerne verschweigt.
Jeder Bauer kann 4 Hektar von einem Großpächter bekommen, bezahlen muss er dabei 2 Hektar. Der Preis liegt bei ca. 1800 Pesos (ca. 90 €) für ein halbes Jahr. Er muss alle 4 Hektar bewirtschaften, die Ernte von 2 Hektar muss er jedoch direkt an den Großpächter weitergeben, von der Ernte des 3. Hektar muss er Ausgaben (wie z.B. die 1800 Pesos Kosten für Grund) begleichen und lediglich der 4. Hektar bleibt ihm zum eigenen Nutzen. Insgesamt heißt das, dass der Bauer viel Arbeit und Ausgaben hat, um schließlich einen einzigen Hektar effektiv nutzen zu können. Trotzdem ist er auf diesen ungleichmäßigen Deal angewiesen, um seine Familie versorgen zu können.
Der Großpächter, der von der Regierung kommt, geht natürlich als Sieger hervor. Doch dies soll nicht genug sein, von Zeit zu Zeit marschiert dazu noch das Militär in die Bergdörfer ein und verlangt mehr Abgaben, die ihnen eigentlich gar nicht zustehen. Diese Einmaersche sind haeufig gewaltsam und die Indigenen werden zu Dingen gezwungen, gegen die sie sich nicht waehren koennen.
Roselio de la Cruz Gonzalez schreibt in einer Art Tagebucheintrag, den ich auf der vom Fluechtlingslager selbst errichteten Informationstafel gelesen habe, folgendes:
„Ich kenne das Dorf und ich kenne die brutale Herangehensweise, mit der die Polizei in Carranza Chis vorgeht. Sie zwingen uns Dokumente zu unterschreiben, ohne dass wir wissen, worum es sich handelt. Wir koennen zwar nicht lesen, aber wir koennen denken und sehen das Schlechte, was die Regierung uns antut. Darum bitte wir alle Organisationen der Welt unserer „Familie“ zu helfen und eine Stuetze zu sein.“
Gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen die Bauern schon lange, doch nur wenige trauen sich offen gegen die Regierung vorzugehen, was jedoch wichtig ist, um auch der restlichen Bevölkerung die Augen zu öffnen. Zwei bekannte Namen in Punto Widerstand sind Samuel Ruiz und Arismendi, der Ruiz nach ca. 40 Jahren aktiver Unterstützung der einfachen Bergbevoelkerung ablöste. Beide sind Bischöfe, die durch die communidades reisen und Mut und Unterstützung zusprechen. Die Regierung sieht dies natürlich nicht gerne, vor ca. 3 Wochen erhielt Arismendi anonymerweise schon eine Morddrohung.
Auch die Widerstandskämpfer aus den Reihen der Bauern werden versucht so weit es geht von der Regierung zum Schweigen gebracht zu werden.
Genau hier bin ich wieder beim Anfang meiner Beschreibung des jetzigen Zustands angekommen - nämlich beim Hintergrund, warum in San Cristóbal gerade das Flüchtlingslager“Campamento de Refugiados“ vor der Kathedrale aufgebaut ist.
Jose M. Hernandez, Roselio de la Cruz Gonzales und Jose Manuel de la Torre waren drei Männer, die Widerstand leisteten und sich für eine gerechtere Verteilung einsetzten. Vor ca. 1 Monat wurden diese vor den Augen vieler Dorfbewohner umgebracht. Drei weitere wurden gefangen genommen und zwei wurden verwundet. Wer genau für die Morde verantwortlich ist weiß keiner, doch es ist klar, dass die Regierung dahinter steckt, die die Dörfer zum Schweigen bringen will, da sie jede Form des Aufstands fuerchten muss.
Die Flüchtlinge, die ihr Lager hier aufgebaut haben, bitten um Essen, Kleidung, Decken, Feuerholz und Unterstützung der Bevölkerung. Auf der Informationstafel klebt ein selbst geschriebener Zettel, auf dem genau dies zu lesen ist:
Al pueblo:
Les solicitamos su solidaridad para apoyar nuestra justa lucha con alimentos, cobijas, medicamentos, ropa para frio, pan, café, agua.
Gracias por su apoyo.
Organización Campesina Emiliano Zapata (OCEZ )
Auch ich habe die Fluechtlinge mit einer kleinen Spende unterstuetzt. Ich kann und will mir nur schwer vorstellen, wie sie die Naechte auf dem kalten und harten Steinboden verbringen, waehrend ich teilweise schon im Haus mit Pulli und nichtsdestrotrotz frierend einschlafe. Die Naechte sind hier mittlerweile schon sehr sehr kalt.
Neben Spenden ist es aber auch sehr wichtig, dass die Bevoelkerung ihren Teil leistet, indem sie einfach beobachtet. Es ist wichtig, dass immer wieder Menschen beim Lager vorbeischauen und aufmerksam sind. Aus Gründen der Hilfeleistung, aber noch wichtiger aus dem Hintergrund heraus, dass die Flüchtlinge im Prinzip illegal auf dem Hauptplatz sind. Sie haben ihr Lager einfach aufgebaut und müssen jeder Zeit fürchten, dass das Militaer sie (gewaltsam) wieder verscheucht.
Schriftzuege wie der, auf dem in roten und schwarzen Buchstaben steht
Alto al hostigamiento y persecución de nuestros compañeros de OCEZ
sollen die Aufmerksamkeit hochhalten und vielleicht helfen sie ja doch, dass die Bewohner der Bergdörfer irgendwann - vielleicht nicht in völliger Gerechtigkeit leben – aber einen Fortschritt verzeichnen können.
Heute ist Dienstag, der 24. November. Die Fluechtlinge sind noch immer da...
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Ich habe in meiner Beschreibung einige spanische Woerter benutzt und Schriftzuege wiedergegeben, da es so viel lebendiger wirkte finde ich. Um den Bericht zwischendurch nicht immer unterbrechen zu muessen, jetzt erst einige Erklaerungen zu Vokabeln etc:
Ejercito - Ereignis Communidades - kleine Doerfer & Regionen ausserhalb San Cristobals Pueblo - Dorf Solicitar - bitten Apoyar - unterstuetzen Justa lucha - gerechter Kampf Alimentos - Lebensmittel Cobijas - Decken Ropa para frio - Kleidung gegen die Kaelte Pan - Brot Agua - Wasser Alto al… - stoppt… Hostigamiento - Auspeitschung Compañeros - Freunde
Emiliano Zapata - Zapatistenfuehrer, der u.a. den Aufstand der Bauernbevoelkerung in Chiapas 1994 leitete
OECZ - “Organización Campesina Emiliano Zapata”- die Partei, die hinter Emiliano Zapata steht und sich fuer die Rechte der Bauern und Indigenen einsetzt
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Sonntag, 25. Oktober 2009
1. Monatsbericht
Hallo ihr Lieben,
nun bin ich schon über einen Monat hier – auf der einen Seite total unwirklich, da ich vor gut 4 Monaten noch mitten im Abi stand und vor ca. 2 Monaten durch Europa gereist bin - jetzt soll ich schon einen Monat in meiner zukünftigen Heimat gelebt haben?
Doch wenn ich das Ganze mal anders betrachte, sind ein Monat doch ein Klacks. Ich habe schon so viel gesehen und so viel erlebt wie es in einem Monat kaum möglich ist. Und jeder neue Tag ist eine neue Erfahrung, da es immer Dinge gibt, die ich vorher so nicht gesehen ud gekannt habe.
Doch ich möchte ganz vorne anfangen. Gut, vielleicht nicht ganz vorne, denn das hieße ja, dass ich schon vor gut einem Jahr mit dem Bericht anfangen müsste. Nämlich dann, als ich mich für das Auslandsjahr beworben habe.
Seit dem ist viel passiert und dass ich gerade überhaupt hier sein kann und diesen ersten Monatsbericht schreiben darf, habe ich vielen Menschen zu verdanken. Einmal den vielen vielen Spendern, die mich finanziell und auch jetzt seelisch unterstützen. Ich hoffe, dass ich euch durch meine Erfahrung anhand von Berichten und Fotos ein wenig das zurückgeben kann, was ihr mir vorher gegeben habt.
Außerdem ist es sehr schön zu wissen, dass zuhause in Deutschland Familie, Freund und Freunde immer für mich da sind – danke!
Jetzt möchte ich aber anfangen, von meinem Leben hier zu berichten. Darauf warten schließlich viele in Deutschland Gebliebene gespannt...
Am 29.August ging es also los. Der Flughafen Frankfurt war der letzte deutsche Boden, den wir betreten haben und nach ca. 11 Stunden Flug landeten wir sicher in Cancun. Der erste deutliche Unterschied war die Hitze. Doch nicht nur die machte uns direkt bei Ankunft zu schaffen – auch das Einreiseformular (das natürlich auf Spanisch auszufüllen war), bereitete den meisten von uns ziemlich grosse Schwierigkeiten. Alles Gelernte schien hier nicht zu helfen - in Wirklichkeit sprechen nämlich doch alle schneller, die Vokabeln fallen einem einfach nicht ein und man wünscht sich nichts mehr, als endlich die Passkontrolle passieren zu dürfen und offiziell in Mexiko angekommen zu sein. Die Mitabriter waren jedoch sehr hilfsbereit und so haben wir es nach einiger Zeit doch noch alle ins “Freie” geschafft:) Nora, unsere Vorgängerin erwartete uns schon und zu 14. ging es vollgepackt im Kleinbus weiter nach Playa del Carmen. Ein erstes Abendessen direkt am Meer – und endlich ein Bett! Wir waren schließlich schon einige Stunden wach… Die restlichen ein und halb Tage verbrachten wir mit “Touristendasein” - Strandbesuche, Schnorcheln mit Riesenschildkröten und leckeres Essen zu (für uns) enorm günstigen Preisen.
Knapp 2 Tage später verließen wir also diesen schönen, aber auch sehr touristischen Badeort und machten uns nun auf den Weg in unsere Städte – 5 Freiwillige nach Guadalajara, 2 nach Guatemala und wir 5 (das heißt: Schoko, Schorsch, Judith, Jeannette und ich) nach San Cristóbal. 20 Stunden Busfahrt lagen vor uns bis wir endlich in San Cristóbal ankamen und von unseren Vorgängern mit einem leckeren mexikanischen Frühstück begrüsst wurden. Die WG ist wunderschön, groß und in den Farben rot und gelb gehalten. Das Haus liegt in einem Innenhof mit 5 weiteren Häusern und so bekommen wir ab und zu Besuch von dem Nachbarshund oder auch von Gabriel. Gabriel ist 10 und unser Nachbarsjunge. Er verbringt viel Zeit bei uns, weil seine Mama die ganze Zeit arbeiten muss. Für mich ist er wie ein kleiner Bruder und ich verbinge gerne Zeit mit ihm. Einmal hat er mich auch schon beim Joggen begleitet, doch 3 Tage später hat er noch über Muskelkater geklagt
Viel mehr will ich über unser Haus aber erstmal gar nicht schreiben, denn schon nach 3 Tagen bin ich in meine Gastfamilie umgezogen. Dort wohnte ich 2 Wochen zusammen mit Ana (27), ihrer Mutter Señora Pastrena und dem Hund Cuma. Es war eine schöne Erfahrung zu sehen, wie ein typischer Tag im Leben einer mexikanischen Familie aussieht. Leider waren beide eher selten zuhause. Meine Gastmama, weil sie recht viel arbeitet (sie ist Arzthelferin) und Ana, weil sie (typisch junger Mansch :) ) einfach immer it ihren Freundenaus unterwegs war. Da sie mich aber ab und zu auf ihre “Streifzüge” mitnahm und ich so auch ziemlich bald in Kontakt zu jungen Einheimischen kam, hatte dies wiederum auch einen positiven Effekt für mich!
2 Mal in der Woche kamen Gabi (eine andere Tochter der Familie, 35) und ihre Tochter Luna (1 Jahr alt) vorbei und wir haben die Abende gemeinsam spielend und erzählend verbracht. Auffällig fand ich dabei, dass ich jedes Mal vor Luna ins Bett ging. Die Anfangszeit war ich aber auch extrem müde. Die vielen neuen Eindrücke, die Sprache und sicherlich auch noch die Zeitverschiebung haben meinen Schlafpegel sehr erhöht :) Ganz im Gegensatz zu mir, hatte die Kleine einen (für ein Kleinkind) doch sehr ungewöhnlichen Tagesrhythmus – sie ging um 1 Uhr nachts schlafen und schlief dafür durch bis ca. 12 Uhr am nächsten Morgen durch. Ob dies typisch ist für mexikanische Babys oder ob Luna eine Außnhme ist, möchte ich noch herausfinden! Auf jeden Fall saßen mir schon öfters abends in Bars Mütter gegenüber, die mit Freunden ein Bierchen getrunken haben und dabei ihre Kleinen dabei hatten.
Wenn ich also nicht gerade Zeit bei meiner Gastfamilie verbrachte, war ich mit den anderen Freiwilligen und unseren Vorgängern unterwegs. Für die erste Woche in San Cristóbal haben Letztere ein so genanntes “On-Arrival-Training” für uns “Neue” organisiert. Es dient dazu, sich in der Stadt besser zurechtzufinden, auf gewisse Kulturunterschiede aufmerksam gemacht zu werden und schlussendich ist es auch einfach eine schöne Woche, um langsam in seinem neuen Leben anzukommen und Spaß zu haben. Wir haben z.B. eine Stadtralley gemacht, das Nachtleben erkundet, einen Ausflug in ein nahe gelegenes indigenes Dorf gemacht oder uns das Freizeitangebot angeschaut. Mir persönlich war es sehr wichtig einen Teamsport zu machen und so spiele ich nun seit einiger Zeit in einem Basketballteam. Ich bin nicht gut und werde in diesem Sport wohl auch nie Meister werden, doch es ist schön sich zu bewegen und dabei Leute um sich rum zu haben. Ganz nebenbei hat der Sport auch noch den Effekt, dass mich das sehr leckere, aber doch auch richtg fettige mexikanische Essen nicht ganz anders aussehen lässt
In Zukunft plane ich noch “Zumba” zu machen (das ist eine Art Tanzworkout), Gitarrenstunden zu nehmen und eventuell einen Salsa-Kurs zu machen – doch alles mit der Zeit. So viel Freizeit habe ich nämlich gar nicht – zumindest fühlt es sich so an!
Die Projektarbeit nimmt natürlich einen Großteil ein und deswegen werde ich jetzt auch damit in meinem Bericht fortfahren.
In der 2. Woche haben wir das erste Mal bei “Sueniños” vorbeigeschaut und seit dem hat sich die Arbeitszeit stest gesteigert, bis sie nach ca. 1 Woche bei “normal” angekommen ist.
Die 1. Woche war eine “Willkommenswoche” für die Kinder, was hieß, dass diese Woche für uns nicht mit unserer normalen Arbeit zu vergleichen war. Die Kinder sollten sich z.B. wieder ins Gedächtnis rufen, was Sueniños ist, sollten Willkommensschilder basteln oder ihren Freunden eine nette Nachricht auf den Rücken schreiben oder malen. Freitag gab es eine kleine “fiesta”. Hauptsächlich auch, weil es für die alten Freiwilligen Lena und Jonas der letzte Tag mi Projekt war. Für die beiden war es schwer Abschied zu nehmen, ich bin gespannt wie ich in einem Jahr an ihrer Stelle aussehe.
Im Laufe der nächsten Woche hat sich dann entschieden, wer in welchem Bereich von Sueniños arbeiten wird. Mein Wunsch war es bei “Suenicos” zu arbeiten, d.h. Sueniños in den “colonias”, also direkt vor Ort, wo die Kinder leben. Da dieses Projekt erst im November startet, sieht mein typischer Arbeitstag zur Zeit so aus: Von 10-15h plane ich Projekte und Workshops für die Kinder. Dabei kümmere ich mich mit einer weiteren Mitarbeiterin um das Projekt “Afrika”, in dem die Kinder alles mögliche, von Geographie, Tracht, Traditionen bis hin zu Essen, über die Kultur Massai in Kenia lernen sollen. Als Workshop werde ich Trommeln bauen anbieten und so besteht an 2 Vormittagen die Woche meine Arbeit daraus, diesen Workshop bis ins kleinste Detail zu planen. Häufig haben wir im Suenicos-Team “Reuniónes”, also Versammlungen, um alle Informationen zusammenzutragen und zu schauen, ob alles glatt läuft oder z.B. Ob etwas Wichtiges erledigt werden muss. An 2 Nachmittagen bleibe ich dann im Projekt, wenn die Kinder um 3 Uhr kommen, erst ein Mittagessen bekommen und dann um halb 7 wieder gehen.
Allgemein lässt sich über die Kinder sagen, dass sie total offen, anhänglich und verschmust sind. “Abrazame, abrazame” (drück mich, drück mich) ist wohl der Satz, den ich am häufigsten gehört habe :) Richtig putzig ist es auch, wie sich die großen Geschwister um ihre Kleinen kümmern. Auf den ersten Blick scheint es süß, doch auch dieses Verhalten hat seine Tücken und Probleme. Viele der Kinder können so ihre Kindheit gar nicht richtig ausleben, da sie mit beispielsweise 9 Jahren schon wie eine Mama zu ihren Geschwistern sind. Deshalb versucht Sueniños diesen Kindern unabhängig von ihren kleinen Geschwistern einen Raum zu geben, in dem sie selbst Kind sein können.
Die Arbeit macht allgemein viel Spaß, auch wenn es manchmal nicht so leicht ist. Wenn die Kinder z.B. einfach nicht still sitzen wollen oder überhapt nicht an den Projekten teinehmen, dann ist schon eine gute Portion Durchsetzungsvermögen und Frustrationstoleranz gefragt. Doch böse nehmen kann man dieses Verhalten den Kindern nicht, da meist ihre Erziehung der Hintergund dessen ist. Sie sind es von der Schule und in den Familien nicht anders gewöhnt und haben es so gelernt, bzw. von den Eltern abgeschaut.
Nun zu den Mitarbeitern: Momentan hat Sueniños 7 feste Mitarbeiter und 7 Freiwillige. Damit wir uns untereinander besser kennenlernen und der Arbeitsalltag erleichtert wird, sind wir für ein Wochenende gemeinsam zelten gefahren. Der Ort hieß “Lagos de Colon”, eine wunderschöne ruhige Gegend mitten in der Natur, nahe zur Grenze Guatemalas. Wir haben viele Übungen und Spiele gemacht, um uns untereinander besser kennenzulernen, um das Vertrauen in die Anderen zu steigern, aber auch um für uns selbst zu entescheiden, was wir in diesem Jahr erreichen wollen, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen werden und was eventuell schon unsere Stärken sind, die wir mit den anderen Mitarbeitern teilen könnten. Es ist sehr schön, dass bei Sueniños wirklich alle die gleiche Stellung haben. Egal ob Freiwilliger oder Festangestellter, jeder wird gleichermaßen angehört und alle sinnvollen Ideen werden versucht umzusetzen.
Neben der eigentlichen “Arbeit” blieb uns an diesem Wochenende nebenbei viel Zeit, um die wunderschöne Landschaft mit Seen, Wasserfällen und verlassenen Wegen zu erkunden. Ansonsten verbrachten wir die freie Zeit damit, in der Hängematte zu entspannen, zu lesen, alle möglichen Gedanken niederzuschreiben oder uns abends gemeinsam auf ein Gläschen Tequila und eine Partie “Jenga” bei spanischer Musik gemütlich zusammenzusetzen.
Nach wundervollen 3 Tagen ging es wieder zurück in die Zivilisation, zurück nach San Cristóbal, zurück zum wahren Alltag.
Nachdem ich in der Anfangszeit große Schwierigkeiten hatte meinen Alltag zu finden, habe ich mich mittlerweile doch so gut eingelebt, dass nicht mehr jeden Tag tausende neue Eindrücke auf mich einstürzen. Da dies aber mein erster Bericht ist, möchte ich doch ganz vorne anfangen und meine Erlebnisse von Anfang an schildern.
San Cristóbal hat ein wunderschönes Stadtbild, das sich, egal wo man hinschaut, durch seine vielen bunten Häuser und die hohen Berge im Hintergund auszeichnet. Im Vordergrund findet das bunte Leben statt. Indigene Frauen in ihren hübschen Trachten, die Armbänder, Decken oder Taschen verkaufen. Kinder, die auf dem Hauptplatz vor der “cathedral” (einer Kirche im schönen Baustil, in den kräftigen Farben rot und gelb gehalten – das Wahrzeichen San Cristóbals) spielen, ihre Eltern, die sich währenddessen frohen Gemüts über dies und jenes unterhalten und viele viele Touristen, die das Flair der Stadt sehr international wirken lassen. Alle Fotos, die ich bisher gemacht habe, wirken wie aus dem Bilderbuch.
Doch der Schein trübt. Schaut man genauer hin, tut es nämlich richtig weh, teils 4-jährige Jungen und Mädels zu sehen, die mit Gürteln und Schmuck vollbeladen durch das Stadtzentrum ziehen und versuchen ihre Ware an die Touristen zu verkaufen. Auch die vielen „chicle-Verkäufer“ lassen sich nicht aus dem Stadtbild denken. Oftmals sind auch das Kinder nicht älter als 10 Jahre, die bis tief in die Nacht mit schwer beladenen Bauchläden rumlaufen und Kaugummis „chicle“ oder Süßigkeiten „dulce“ verkaufen.
Ganz deutlich wird dieser krasse Unterschied zwischen der armen und reichen Bevölkerung, wenn man das Stadtzentrum verlässt und in die Außenbezirke der Stadt kommt. Die bunten Häuser sind ersetzt durch graue Blechhütten, die Wege bestehen bloß aus Erde und Staub und verwandeln sich bei Regen in kleine Flüsse. Das Land gehört dem Staat und somit stehen die Hütten eigentlich auf illegalem Boden. Sollte einmal die „falsche Person“ vorbeikommen, kann es schnell passieren, dass komplette „colonias“ ihre Häuser verlassen müssen und somit ohne alles darstehen. Besonders schlimm ist das für mich, weil die Kinder mit denen wir arbeiten, genau aus diesen Bezirken kommen. Positiv ist jedoch, dass es hier kaum jemanden interessiert, was wirklich legal ist und was nicht. Dies sieht man z.B. auch beim Autofahren. Ob man einen Führerschein hat oder nicht, ist egal. Auch wenn ein 14-Jähriger hinter dem Steuer sitzt, erregt das kein Aufsehen.
Unser Hauptfortbewegungsmittel hier und sehr praktisch, ist das Fahrrad. Im Zentrum staut es sich imme und mit dem Fahrrad lässt es sich wunderbar an den ganzen wartenden Autos und Combis vorbeimogeln. Doch hier ist Vorsicht geboten, vor allem die Taxifahrer scheinen nicht so gut gestellt zu sein mit den Fahrradfahrern. Dass die Autos mit einem Abstand, teilweise weniger als 20cm an einem vorbeifahren, daran muss man sich erstmal gewöhnen. Ein 2. sehr nützliches Fortbewegungsmittel hier sind die oben erwähnten „combis“. Das sind Kleinbusse, die einen für 4,50 $ - das sind umgerechnet ca. 25 Cent- so lange befördern, bis man aussteigen möchte. Dafür sagt ruft man einfach laut „bajan“ dem Fahrer zu. Die Combis fahren verschiedene Routen, man muss also nur aufpassen, in den Richtigen zu steigen. Mir persönlich gefallen diese Fahrten sehr. Oft werden so viele Menschen mitgenommen, dass man eigentlich schon vor 3 Zusteigern dachte, der Combi wäre voll. Ich beobachte sehr gerne die vielen verschiedenen Menschen, die sich im Combi sammeln und ab und zu hält man einen kurzen Plausch. Indigene Frauen mit ihren Babys, Frauen, die vom Markt kommen und den noch lebenden Hahn für die nächste Mahlzeit in ihrer Hand tragen. Männer, die von der Arbeit kommen, Ausländer und Reisende oder „Hippies“ (die es zu sehr vielen in San Cristóbal gibt:) ) mit ihren Trommeln und anderen Instrumenten.
Letztere sorgen abends häufig für gute Stimmung, wenn sie sich auf dem Hauptplatz aufstellen und bis spät in die Nacht die Trommeln schlagen lassen und dazu Feuershows anbieten.
Auch sonst hat San Cristóbal sehr viel zu bieten, sodass Langweile wohl kaum aufkommen kann. Es gibt unzählige wunderschöne kleine Cafés, Parks, Bänke, auf den Straßen hört man Musik und hat den ständigen Geruch von Mais und Tacos in der Nase, die auf der Straße zubereitet werden. Mein Lieblingsplatz ist der Kunsthandwerkmarkt „Santa Domingo“, an dem indigene Frauen und Hippies ihre Trachten, Schmuck, Taschen und vieles mehr verkaufen. Ich liebe es über den Markt zu schlendern und mir das bunte Treiben anzuschauen. Leider habe ich hiervon keine Foto, da es verboten ist die Indigenen zu fotografieren. Ihrer Überzeugung nach wird nämlich die Seele gestohlen, wenn sie auf einem Foto festgehalten sind. Um diesen meinen Leblingsplatz also hautnah zu erleben, müsst ihr hier in Mexiko vorbeischauen :)
Abends kann man sich dann je nach Stimmung eine der vielen Bars aussuchen, in denen überall Livemusik gespielt wird und nach einiger Zeit das gemütliche Zusammensitzen zum Tanzen übergeht. Salsa oder den für Mexiko typischen Tanz “Cumba” haben hier so gut wie alle im Blut, weshalb man sich als Ausländer sehr schlecht fühlt was dies angeht und ich bisher lieber Beobachter gespielt habe ;)
Bei dieser ausgelassenen Stimmung fällt es mir oft schwer zu glauben, dass gerade zur gleichen Zeit Familien zu 10. versuchen, in einem kleinen Zimmer zu schlafen und diese Möglichkeiten bei weitem nicht Allen geboten sind. Es herrscht leider wirklich ein großer Unterschied in der Bevölkerung.
Des Weiteren sind mir viele Unterschiede zwischen Deutschland und Mexiko aufgefallen, die ich in meinem Tagebuch gesammelt habe. Damit dieser erste Bericht nicht zu lange wird, und damit ihr auch noch meine weiteren Berichte lesen werdet, verspreche ich jetzt, dass ich nächstes Mal unter anderem darüber schreiben werde. Außerdem möchte ich euch von einigen Ausflügen erzählen, die ich bisher gemacht habe, von Bekanntschaften, wie es mit meinem Spanisch vorangeht, wie das WG-Leben abläuft und vieles mehr. Also seit gespannt!!
Doch erstmal hoffe ich, dass ihr mit genauso großer Freude diesen ersten Bericht lesen werdet, wie ich Freude daran hatte, euch von meinem wunderbaren Leben hier zu erzählen. Ich fühle mich pudelwohl und freue mich jeden Tag aufs Neue aufzuwachen und hier meine Zeit zu verbringen.
Eins noch: Die Regenzeit neigt sich so langsam dem Ende zu und so herrscht gerade Traumwetter. Tagsüber um die 25 Grad und das ohne (oder mit kaum) Regen! Das Wetter nutzen wir richtig aus, setzen uns in den Garten und lesen, oder trinken einen Café im Freien. Während ich gerade mit geöffneter Zimmertür dabei bin, diesen Bericht zu beenden, kitzeln mich einige Sonnenstrahlen und Judith und Jeannette sitzen vor unserem Haus in der Sonne und sind ganz vertieft in ihre Bücher. Ab und zu hört man die Köchin unseres Nachbarns reden, oder den Hund bellen.
Doch sehr bald wird es hier kalt werden und dann beginnt die harte Zeit bei knappen 0 Grad und keiner Heizung. Dafür muss ich mich noch mit warmen Klamotten eindecken. Oder aber es darf mir auch gerne Jemand ein paar schöne Wollsocken stricken und diese schicken!! :)
nun bin ich schon über einen Monat hier – auf der einen Seite total unwirklich, da ich vor gut 4 Monaten noch mitten im Abi stand und vor ca. 2 Monaten durch Europa gereist bin - jetzt soll ich schon einen Monat in meiner zukünftigen Heimat gelebt haben?
Doch wenn ich das Ganze mal anders betrachte, sind ein Monat doch ein Klacks. Ich habe schon so viel gesehen und so viel erlebt wie es in einem Monat kaum möglich ist. Und jeder neue Tag ist eine neue Erfahrung, da es immer Dinge gibt, die ich vorher so nicht gesehen ud gekannt habe.
Doch ich möchte ganz vorne anfangen. Gut, vielleicht nicht ganz vorne, denn das hieße ja, dass ich schon vor gut einem Jahr mit dem Bericht anfangen müsste. Nämlich dann, als ich mich für das Auslandsjahr beworben habe.
Seit dem ist viel passiert und dass ich gerade überhaupt hier sein kann und diesen ersten Monatsbericht schreiben darf, habe ich vielen Menschen zu verdanken. Einmal den vielen vielen Spendern, die mich finanziell und auch jetzt seelisch unterstützen. Ich hoffe, dass ich euch durch meine Erfahrung anhand von Berichten und Fotos ein wenig das zurückgeben kann, was ihr mir vorher gegeben habt.
Außerdem ist es sehr schön zu wissen, dass zuhause in Deutschland Familie, Freund und Freunde immer für mich da sind – danke!
Jetzt möchte ich aber anfangen, von meinem Leben hier zu berichten. Darauf warten schließlich viele in Deutschland Gebliebene gespannt...
Am 29.August ging es also los. Der Flughafen Frankfurt war der letzte deutsche Boden, den wir betreten haben und nach ca. 11 Stunden Flug landeten wir sicher in Cancun. Der erste deutliche Unterschied war die Hitze. Doch nicht nur die machte uns direkt bei Ankunft zu schaffen – auch das Einreiseformular (das natürlich auf Spanisch auszufüllen war), bereitete den meisten von uns ziemlich grosse Schwierigkeiten. Alles Gelernte schien hier nicht zu helfen - in Wirklichkeit sprechen nämlich doch alle schneller, die Vokabeln fallen einem einfach nicht ein und man wünscht sich nichts mehr, als endlich die Passkontrolle passieren zu dürfen und offiziell in Mexiko angekommen zu sein. Die Mitabriter waren jedoch sehr hilfsbereit und so haben wir es nach einiger Zeit doch noch alle ins “Freie” geschafft:) Nora, unsere Vorgängerin erwartete uns schon und zu 14. ging es vollgepackt im Kleinbus weiter nach Playa del Carmen. Ein erstes Abendessen direkt am Meer – und endlich ein Bett! Wir waren schließlich schon einige Stunden wach… Die restlichen ein und halb Tage verbrachten wir mit “Touristendasein” - Strandbesuche, Schnorcheln mit Riesenschildkröten und leckeres Essen zu (für uns) enorm günstigen Preisen.
Knapp 2 Tage später verließen wir also diesen schönen, aber auch sehr touristischen Badeort und machten uns nun auf den Weg in unsere Städte – 5 Freiwillige nach Guadalajara, 2 nach Guatemala und wir 5 (das heißt: Schoko, Schorsch, Judith, Jeannette und ich) nach San Cristóbal. 20 Stunden Busfahrt lagen vor uns bis wir endlich in San Cristóbal ankamen und von unseren Vorgängern mit einem leckeren mexikanischen Frühstück begrüsst wurden. Die WG ist wunderschön, groß und in den Farben rot und gelb gehalten. Das Haus liegt in einem Innenhof mit 5 weiteren Häusern und so bekommen wir ab und zu Besuch von dem Nachbarshund oder auch von Gabriel. Gabriel ist 10 und unser Nachbarsjunge. Er verbringt viel Zeit bei uns, weil seine Mama die ganze Zeit arbeiten muss. Für mich ist er wie ein kleiner Bruder und ich verbinge gerne Zeit mit ihm. Einmal hat er mich auch schon beim Joggen begleitet, doch 3 Tage später hat er noch über Muskelkater geklagt
Viel mehr will ich über unser Haus aber erstmal gar nicht schreiben, denn schon nach 3 Tagen bin ich in meine Gastfamilie umgezogen. Dort wohnte ich 2 Wochen zusammen mit Ana (27), ihrer Mutter Señora Pastrena und dem Hund Cuma. Es war eine schöne Erfahrung zu sehen, wie ein typischer Tag im Leben einer mexikanischen Familie aussieht. Leider waren beide eher selten zuhause. Meine Gastmama, weil sie recht viel arbeitet (sie ist Arzthelferin) und Ana, weil sie (typisch junger Mansch :) ) einfach immer it ihren Freundenaus unterwegs war. Da sie mich aber ab und zu auf ihre “Streifzüge” mitnahm und ich so auch ziemlich bald in Kontakt zu jungen Einheimischen kam, hatte dies wiederum auch einen positiven Effekt für mich!
2 Mal in der Woche kamen Gabi (eine andere Tochter der Familie, 35) und ihre Tochter Luna (1 Jahr alt) vorbei und wir haben die Abende gemeinsam spielend und erzählend verbracht. Auffällig fand ich dabei, dass ich jedes Mal vor Luna ins Bett ging. Die Anfangszeit war ich aber auch extrem müde. Die vielen neuen Eindrücke, die Sprache und sicherlich auch noch die Zeitverschiebung haben meinen Schlafpegel sehr erhöht :) Ganz im Gegensatz zu mir, hatte die Kleine einen (für ein Kleinkind) doch sehr ungewöhnlichen Tagesrhythmus – sie ging um 1 Uhr nachts schlafen und schlief dafür durch bis ca. 12 Uhr am nächsten Morgen durch. Ob dies typisch ist für mexikanische Babys oder ob Luna eine Außnhme ist, möchte ich noch herausfinden! Auf jeden Fall saßen mir schon öfters abends in Bars Mütter gegenüber, die mit Freunden ein Bierchen getrunken haben und dabei ihre Kleinen dabei hatten.
Wenn ich also nicht gerade Zeit bei meiner Gastfamilie verbrachte, war ich mit den anderen Freiwilligen und unseren Vorgängern unterwegs. Für die erste Woche in San Cristóbal haben Letztere ein so genanntes “On-Arrival-Training” für uns “Neue” organisiert. Es dient dazu, sich in der Stadt besser zurechtzufinden, auf gewisse Kulturunterschiede aufmerksam gemacht zu werden und schlussendich ist es auch einfach eine schöne Woche, um langsam in seinem neuen Leben anzukommen und Spaß zu haben. Wir haben z.B. eine Stadtralley gemacht, das Nachtleben erkundet, einen Ausflug in ein nahe gelegenes indigenes Dorf gemacht oder uns das Freizeitangebot angeschaut. Mir persönlich war es sehr wichtig einen Teamsport zu machen und so spiele ich nun seit einiger Zeit in einem Basketballteam. Ich bin nicht gut und werde in diesem Sport wohl auch nie Meister werden, doch es ist schön sich zu bewegen und dabei Leute um sich rum zu haben. Ganz nebenbei hat der Sport auch noch den Effekt, dass mich das sehr leckere, aber doch auch richtg fettige mexikanische Essen nicht ganz anders aussehen lässt
In Zukunft plane ich noch “Zumba” zu machen (das ist eine Art Tanzworkout), Gitarrenstunden zu nehmen und eventuell einen Salsa-Kurs zu machen – doch alles mit der Zeit. So viel Freizeit habe ich nämlich gar nicht – zumindest fühlt es sich so an!
Die Projektarbeit nimmt natürlich einen Großteil ein und deswegen werde ich jetzt auch damit in meinem Bericht fortfahren.
In der 2. Woche haben wir das erste Mal bei “Sueniños” vorbeigeschaut und seit dem hat sich die Arbeitszeit stest gesteigert, bis sie nach ca. 1 Woche bei “normal” angekommen ist.
Die 1. Woche war eine “Willkommenswoche” für die Kinder, was hieß, dass diese Woche für uns nicht mit unserer normalen Arbeit zu vergleichen war. Die Kinder sollten sich z.B. wieder ins Gedächtnis rufen, was Sueniños ist, sollten Willkommensschilder basteln oder ihren Freunden eine nette Nachricht auf den Rücken schreiben oder malen. Freitag gab es eine kleine “fiesta”. Hauptsächlich auch, weil es für die alten Freiwilligen Lena und Jonas der letzte Tag mi Projekt war. Für die beiden war es schwer Abschied zu nehmen, ich bin gespannt wie ich in einem Jahr an ihrer Stelle aussehe.
Im Laufe der nächsten Woche hat sich dann entschieden, wer in welchem Bereich von Sueniños arbeiten wird. Mein Wunsch war es bei “Suenicos” zu arbeiten, d.h. Sueniños in den “colonias”, also direkt vor Ort, wo die Kinder leben. Da dieses Projekt erst im November startet, sieht mein typischer Arbeitstag zur Zeit so aus: Von 10-15h plane ich Projekte und Workshops für die Kinder. Dabei kümmere ich mich mit einer weiteren Mitarbeiterin um das Projekt “Afrika”, in dem die Kinder alles mögliche, von Geographie, Tracht, Traditionen bis hin zu Essen, über die Kultur Massai in Kenia lernen sollen. Als Workshop werde ich Trommeln bauen anbieten und so besteht an 2 Vormittagen die Woche meine Arbeit daraus, diesen Workshop bis ins kleinste Detail zu planen. Häufig haben wir im Suenicos-Team “Reuniónes”, also Versammlungen, um alle Informationen zusammenzutragen und zu schauen, ob alles glatt läuft oder z.B. Ob etwas Wichtiges erledigt werden muss. An 2 Nachmittagen bleibe ich dann im Projekt, wenn die Kinder um 3 Uhr kommen, erst ein Mittagessen bekommen und dann um halb 7 wieder gehen.
Allgemein lässt sich über die Kinder sagen, dass sie total offen, anhänglich und verschmust sind. “Abrazame, abrazame” (drück mich, drück mich) ist wohl der Satz, den ich am häufigsten gehört habe :) Richtig putzig ist es auch, wie sich die großen Geschwister um ihre Kleinen kümmern. Auf den ersten Blick scheint es süß, doch auch dieses Verhalten hat seine Tücken und Probleme. Viele der Kinder können so ihre Kindheit gar nicht richtig ausleben, da sie mit beispielsweise 9 Jahren schon wie eine Mama zu ihren Geschwistern sind. Deshalb versucht Sueniños diesen Kindern unabhängig von ihren kleinen Geschwistern einen Raum zu geben, in dem sie selbst Kind sein können.
Die Arbeit macht allgemein viel Spaß, auch wenn es manchmal nicht so leicht ist. Wenn die Kinder z.B. einfach nicht still sitzen wollen oder überhapt nicht an den Projekten teinehmen, dann ist schon eine gute Portion Durchsetzungsvermögen und Frustrationstoleranz gefragt. Doch böse nehmen kann man dieses Verhalten den Kindern nicht, da meist ihre Erziehung der Hintergund dessen ist. Sie sind es von der Schule und in den Familien nicht anders gewöhnt und haben es so gelernt, bzw. von den Eltern abgeschaut.
Nun zu den Mitarbeitern: Momentan hat Sueniños 7 feste Mitarbeiter und 7 Freiwillige. Damit wir uns untereinander besser kennenlernen und der Arbeitsalltag erleichtert wird, sind wir für ein Wochenende gemeinsam zelten gefahren. Der Ort hieß “Lagos de Colon”, eine wunderschöne ruhige Gegend mitten in der Natur, nahe zur Grenze Guatemalas. Wir haben viele Übungen und Spiele gemacht, um uns untereinander besser kennenzulernen, um das Vertrauen in die Anderen zu steigern, aber auch um für uns selbst zu entescheiden, was wir in diesem Jahr erreichen wollen, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen werden und was eventuell schon unsere Stärken sind, die wir mit den anderen Mitarbeitern teilen könnten. Es ist sehr schön, dass bei Sueniños wirklich alle die gleiche Stellung haben. Egal ob Freiwilliger oder Festangestellter, jeder wird gleichermaßen angehört und alle sinnvollen Ideen werden versucht umzusetzen.
Neben der eigentlichen “Arbeit” blieb uns an diesem Wochenende nebenbei viel Zeit, um die wunderschöne Landschaft mit Seen, Wasserfällen und verlassenen Wegen zu erkunden. Ansonsten verbrachten wir die freie Zeit damit, in der Hängematte zu entspannen, zu lesen, alle möglichen Gedanken niederzuschreiben oder uns abends gemeinsam auf ein Gläschen Tequila und eine Partie “Jenga” bei spanischer Musik gemütlich zusammenzusetzen.
Nach wundervollen 3 Tagen ging es wieder zurück in die Zivilisation, zurück nach San Cristóbal, zurück zum wahren Alltag.
Nachdem ich in der Anfangszeit große Schwierigkeiten hatte meinen Alltag zu finden, habe ich mich mittlerweile doch so gut eingelebt, dass nicht mehr jeden Tag tausende neue Eindrücke auf mich einstürzen. Da dies aber mein erster Bericht ist, möchte ich doch ganz vorne anfangen und meine Erlebnisse von Anfang an schildern.
San Cristóbal hat ein wunderschönes Stadtbild, das sich, egal wo man hinschaut, durch seine vielen bunten Häuser und die hohen Berge im Hintergund auszeichnet. Im Vordergrund findet das bunte Leben statt. Indigene Frauen in ihren hübschen Trachten, die Armbänder, Decken oder Taschen verkaufen. Kinder, die auf dem Hauptplatz vor der “cathedral” (einer Kirche im schönen Baustil, in den kräftigen Farben rot und gelb gehalten – das Wahrzeichen San Cristóbals) spielen, ihre Eltern, die sich währenddessen frohen Gemüts über dies und jenes unterhalten und viele viele Touristen, die das Flair der Stadt sehr international wirken lassen. Alle Fotos, die ich bisher gemacht habe, wirken wie aus dem Bilderbuch.
Doch der Schein trübt. Schaut man genauer hin, tut es nämlich richtig weh, teils 4-jährige Jungen und Mädels zu sehen, die mit Gürteln und Schmuck vollbeladen durch das Stadtzentrum ziehen und versuchen ihre Ware an die Touristen zu verkaufen. Auch die vielen „chicle-Verkäufer“ lassen sich nicht aus dem Stadtbild denken. Oftmals sind auch das Kinder nicht älter als 10 Jahre, die bis tief in die Nacht mit schwer beladenen Bauchläden rumlaufen und Kaugummis „chicle“ oder Süßigkeiten „dulce“ verkaufen.
Ganz deutlich wird dieser krasse Unterschied zwischen der armen und reichen Bevölkerung, wenn man das Stadtzentrum verlässt und in die Außenbezirke der Stadt kommt. Die bunten Häuser sind ersetzt durch graue Blechhütten, die Wege bestehen bloß aus Erde und Staub und verwandeln sich bei Regen in kleine Flüsse. Das Land gehört dem Staat und somit stehen die Hütten eigentlich auf illegalem Boden. Sollte einmal die „falsche Person“ vorbeikommen, kann es schnell passieren, dass komplette „colonias“ ihre Häuser verlassen müssen und somit ohne alles darstehen. Besonders schlimm ist das für mich, weil die Kinder mit denen wir arbeiten, genau aus diesen Bezirken kommen. Positiv ist jedoch, dass es hier kaum jemanden interessiert, was wirklich legal ist und was nicht. Dies sieht man z.B. auch beim Autofahren. Ob man einen Führerschein hat oder nicht, ist egal. Auch wenn ein 14-Jähriger hinter dem Steuer sitzt, erregt das kein Aufsehen.
Unser Hauptfortbewegungsmittel hier und sehr praktisch, ist das Fahrrad. Im Zentrum staut es sich imme und mit dem Fahrrad lässt es sich wunderbar an den ganzen wartenden Autos und Combis vorbeimogeln. Doch hier ist Vorsicht geboten, vor allem die Taxifahrer scheinen nicht so gut gestellt zu sein mit den Fahrradfahrern. Dass die Autos mit einem Abstand, teilweise weniger als 20cm an einem vorbeifahren, daran muss man sich erstmal gewöhnen. Ein 2. sehr nützliches Fortbewegungsmittel hier sind die oben erwähnten „combis“. Das sind Kleinbusse, die einen für 4,50 $ - das sind umgerechnet ca. 25 Cent- so lange befördern, bis man aussteigen möchte. Dafür sagt ruft man einfach laut „bajan“ dem Fahrer zu. Die Combis fahren verschiedene Routen, man muss also nur aufpassen, in den Richtigen zu steigen. Mir persönlich gefallen diese Fahrten sehr. Oft werden so viele Menschen mitgenommen, dass man eigentlich schon vor 3 Zusteigern dachte, der Combi wäre voll. Ich beobachte sehr gerne die vielen verschiedenen Menschen, die sich im Combi sammeln und ab und zu hält man einen kurzen Plausch. Indigene Frauen mit ihren Babys, Frauen, die vom Markt kommen und den noch lebenden Hahn für die nächste Mahlzeit in ihrer Hand tragen. Männer, die von der Arbeit kommen, Ausländer und Reisende oder „Hippies“ (die es zu sehr vielen in San Cristóbal gibt:) ) mit ihren Trommeln und anderen Instrumenten.
Letztere sorgen abends häufig für gute Stimmung, wenn sie sich auf dem Hauptplatz aufstellen und bis spät in die Nacht die Trommeln schlagen lassen und dazu Feuershows anbieten.
Auch sonst hat San Cristóbal sehr viel zu bieten, sodass Langweile wohl kaum aufkommen kann. Es gibt unzählige wunderschöne kleine Cafés, Parks, Bänke, auf den Straßen hört man Musik und hat den ständigen Geruch von Mais und Tacos in der Nase, die auf der Straße zubereitet werden. Mein Lieblingsplatz ist der Kunsthandwerkmarkt „Santa Domingo“, an dem indigene Frauen und Hippies ihre Trachten, Schmuck, Taschen und vieles mehr verkaufen. Ich liebe es über den Markt zu schlendern und mir das bunte Treiben anzuschauen. Leider habe ich hiervon keine Foto, da es verboten ist die Indigenen zu fotografieren. Ihrer Überzeugung nach wird nämlich die Seele gestohlen, wenn sie auf einem Foto festgehalten sind. Um diesen meinen Leblingsplatz also hautnah zu erleben, müsst ihr hier in Mexiko vorbeischauen :)
Abends kann man sich dann je nach Stimmung eine der vielen Bars aussuchen, in denen überall Livemusik gespielt wird und nach einiger Zeit das gemütliche Zusammensitzen zum Tanzen übergeht. Salsa oder den für Mexiko typischen Tanz “Cumba” haben hier so gut wie alle im Blut, weshalb man sich als Ausländer sehr schlecht fühlt was dies angeht und ich bisher lieber Beobachter gespielt habe ;)
Bei dieser ausgelassenen Stimmung fällt es mir oft schwer zu glauben, dass gerade zur gleichen Zeit Familien zu 10. versuchen, in einem kleinen Zimmer zu schlafen und diese Möglichkeiten bei weitem nicht Allen geboten sind. Es herrscht leider wirklich ein großer Unterschied in der Bevölkerung.
Des Weiteren sind mir viele Unterschiede zwischen Deutschland und Mexiko aufgefallen, die ich in meinem Tagebuch gesammelt habe. Damit dieser erste Bericht nicht zu lange wird, und damit ihr auch noch meine weiteren Berichte lesen werdet, verspreche ich jetzt, dass ich nächstes Mal unter anderem darüber schreiben werde. Außerdem möchte ich euch von einigen Ausflügen erzählen, die ich bisher gemacht habe, von Bekanntschaften, wie es mit meinem Spanisch vorangeht, wie das WG-Leben abläuft und vieles mehr. Also seit gespannt!!
Doch erstmal hoffe ich, dass ihr mit genauso großer Freude diesen ersten Bericht lesen werdet, wie ich Freude daran hatte, euch von meinem wunderbaren Leben hier zu erzählen. Ich fühle mich pudelwohl und freue mich jeden Tag aufs Neue aufzuwachen und hier meine Zeit zu verbringen.
Eins noch: Die Regenzeit neigt sich so langsam dem Ende zu und so herrscht gerade Traumwetter. Tagsüber um die 25 Grad und das ohne (oder mit kaum) Regen! Das Wetter nutzen wir richtig aus, setzen uns in den Garten und lesen, oder trinken einen Café im Freien. Während ich gerade mit geöffneter Zimmertür dabei bin, diesen Bericht zu beenden, kitzeln mich einige Sonnenstrahlen und Judith und Jeannette sitzen vor unserem Haus in der Sonne und sind ganz vertieft in ihre Bücher. Ab und zu hört man die Köchin unseres Nachbarns reden, oder den Hund bellen.
Doch sehr bald wird es hier kalt werden und dann beginnt die harte Zeit bei knappen 0 Grad und keiner Heizung. Dafür muss ich mich noch mit warmen Klamotten eindecken. Oder aber es darf mir auch gerne Jemand ein paar schöne Wollsocken stricken und diese schicken!! :)
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